Was sich am Fleisch entscheidet (Teil 2)

In seinem neuen Buch „Was sich am Fleisch entscheidet“, bespricht Dr. Thilo Hagendorff vielfältige Aspekte des Themas Fleisch. Egal ob aus historischer, ethischer oder gesellschaftspolitischer Sicht, die Inhalte basieren nicht auf Spekulationen, sondern auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wir haben Dr. Thilo Hagendorff im Interview befragt.

Tierqual passiert oft hinter verschlossenen Türen. So können wir das Leid leicht ausblenden. (Foto: Jo-Anne McArthur / Eyes On Animals)

Tiere und wie wir mit ihnen umgehen hat großen Einfluss auf unsere Gesellschaft. Wie wir das Wunder Leben behandeln, ist der Schlüssel zu einem guten Miteinander. Im zweiten Teil unseres Interviews sprechen wir mit Wissenschafter und Autor Dr. Thilo Hagendorff über die Auswirkungen unserer Tierhaltung auf Bereiche wie Politik und Medizin. Nun zur Fortsetzung des Interviews:

Wir erleben derzeit parallel zu einem leider starken Rechts-Populismus auch ein Erstarken von Feminismus und der Anerkennung von Minderheiten, zum Beispiel im Gender-Bereich. Es ist also an der Zeit, wie Sie im Buch schreiben, die Werte unserer Gesellschaft gut zu prüfen und zu hinterfragen. Kann der Schritt, Tiere ethisch vertretbar zu behandeln, ein erster Schritt sein, um unsere Gesellschaft vor dem Verrohen zu bewahren?

In der Beachtung der Interessen der Tiere liegt der Schlüssel für einen respektvollen Umgang auch im zwischenmenschlichen Bereich. Wenn Menschen es schaffen, Tieren gegenüber Empathie zu empfinden, sie also in den Kreis jener Entitäten einzuschließen, die moralisch berücksichtigt und respektiert werden, wenn Menschen also aufhören, Tiere als minderwertige Wesen anzusehen und zu diskriminieren, und sie den Mut haben, Nein zu sagen zur Gewalt gegenüber Tieren, auch wenn diese Normalität ist, wie leicht muss es ihnen dann fallen, selbiges gegenüber ihresgleichen zu tun?

Die Forschung hat klare Antworten auf diese Frage. Der Begriff „interspecies model of prejudice“ wäre hier nur ein Stichwort unter vielen. Typischerweise werden Tiere quasi als die ultimative „Fremdgruppe“ gesehen, als „andere“, die nicht zum „Wir“ dazugehören. Wenn aber diese tierbezogene Fremdgruppenkonstruktion im Denken aufgelöst wird, hat dies auch Auswirkungen auf die Zuschreibung von menschlichen „Fremdgruppen“. Kurz gesagt: Menschen-, Tier- und Umweltschutz hängen miteinander zusammen und sind nicht getrennt voneinander zu betrachten.

Wie kann jeder Einzelne dem von Ihnen im Buch beschriebenen „Verrohungsargument“ entgegenarbeiten?

Das „Verrohungsargument“ hat seine Wurzeln unter anderem in der Philosophie von Immanuel Kant und besagt, dass an Tieren gewissermaßen „geübt“ werden kann, grob oder gewalttätig zu handeln, um die Hemmschwelle selbiges anderen Menschen anzutun, zu senken.

Was kann dem entgegengesetzt werden? Ich denke, es bedarf einer universellen Sensibilität für das Erkennen von Gewalt, egal welchem Lebewesen gegenüber sie verübt wird, sowie den Erwerb von Praktiken zur Gewaltüberwindung. Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Das Problem liegt nicht in einem Fehlen ethischer Werte. Werte der Gewaltfreiheit haben nahezu alle Menschen internalisiert.

Das eigentliche Problem besteht in der Missachtung jener Werte in den alltäglichen sozialen Routinen und Praktiken sowie in den kollektiv erlernten Rechtfertigungsmechanismen für jene Missachtungen („Der Löwe isst auch Fleisch“, „Ich brauche das Protein“, „Die Tiere werden extra dafür gezüchtet“ etc.). Man muss demgemäß weniger ethische Werte betonen, als vielmehr der Frage nachgehen, warum jene Werte trotz ihrer Erwünschtheit und beständigen Aktualisierung nur dürftigen Niederschlag in der gesellschaftlichen Praxis finden. Sicherlich spielt die Überwindung von bestehenden Feindbildern und Hass eine wichtige Rolle.

Doch auch ohne Feindbilder und Hass können Menschen sich an Handlungskontexten beteiligen, die Grausamkeit und Leid verursachen, indem beides verleugnet, kaschiert, verzerrt oder verdrängt wird. Wenn Gewalt nicht als solche ausgewiesen wird, kann sie durch friedenspädagogische Bemühungen gar nicht erst adressiert werden. Eine solche Blindheit kann jedoch für das Projekt der Friedensförderung zur Gefahr werden.

Wir müssen einander an das Gute in uns erinnern und es gemeinsam zum Strahlen bringen. Trotzdem passiert jeden Tag barbarische Grausamkeit gegenüber Tieren, die wir ja eigentlich so sehr lieben. Wie schaffen wir es, diese Realität dermaßen auszublenden? Oder ist es uns eigentlich egal?

In Deutschland werden jedes Jahr mehr als 700 Millionen Tiere zu Nahrungsmittelzwecken getötet. Aber wo sind alle diese Tiere? Wir kommen nicht mit ihnen in Berührung, sie sind räumlich exkludiert. Deshalb fällt es auch leicht, auszublenden, was ihnen angetan wird.

Auch medial unterliegt das Thema einer starken Exklusion. Die Nachrichten geben das Neuste von der Börse durch, aber nicht, wie Kühe trächtig geschlachtet werden oder andere schreckliche „Tierschutzprobleme“. Hinzu kommt eine sprachliche Exklusion. Wir sprechen vom „Schnitzel“ und nicht vom „Muskelfleisch toter Tierkörper“. Während Menschen „sterben“, „verenden“ Tiere bloß. Tote Tiere sind dabei keine „Leichen“, sondern „Kadaver“. So könnten zig Beispiele angeführt werden. Die räumliche, mediale, juristische und linguistische Exklusion von „Nutztieren“ ist in ihrer Kombination so wirkmächtig, dass jene barbarischen Grausamkeiten, die den Tieren angetan werden, selbst inmitten einer eigentlich friedliebenden, zivilisierten Gesellschaft mit humanistischen Bildungsidealen zur Routine werden.

Im Ethik.Guide, dem nachhaltigen Einkaufsführer, findest du in der Kategorie Lebensmittel sämtliche Bezugsquellen für einen genussvollen und klimafreundlichen Ernährungsstil: Bioläden und –Lebensmittelmarken, Unverpackt-Läden, Bio-Bäcker und –Winzer, Biokisten-Zusteller und Solidarische Landwirtschaften, aber auch Adressen von Selbsterntefeldern. Es kann auch nach veganen Anbietern oder bioveganer Landwirtschaft gefiltert werden.

Sie sprechen in Ihrem Buch auch die Möglichkeit an, dass durch unseren Umgang mit Tieren weitere Pandemien sehr wahrscheinlich sind. Warum wird dieser Gefahr nicht entgegengearbeitet? Ist das Interesse am „Fleisch“ so groß, dass wir unsere eigene Gesundheit aufs Spiel setzen?

Ja, das Interesse ist groß, aber es ist auch ein blindes Interesse. Wir setzen ja unsere Gesundheit nicht nur durch Pandemien aufs Spiel, sondern auch durch ernährungsbedingte Zivilisationskrankheiten, die durch den Konsum tierischer Produkte gefördert werden, durch Antibiotikaresistenzen, die durch Praktiken der Medikamentenvergabe in der Tierhaltung entstehen, sowie durch tierindustrielle und fischereibedingte Umweltverbrechen aller Art, mit der wir den Klimawandel fördern, der nichts weniger als unsere Existenz bedrohen wird.

Dies ist gleich in mehrfacher Hinsicht ungerecht, da die Folgen dieser Entwicklungen auch diejenigen Menschen mittragen müssen, die sie gar nicht verursachen. Studien weisen darüber hinaus nach, dass im Falle einer Ernährungsumstellung der Weltbevölkerung auf eine vegetarische oder gar vegane Ernährung Millionen Menschenleben vor einem vorzeitigen Tod gerettet werden könnten.

Man sollte meinen, aufgrund dieser Tatsache gehöre das Thema Ernährung zu den bedeutendsten Gegenständen der Ausbildung von Medizinern. Doch das Gegenteil ist der Fall. Ärzte lernen in jahrelanger Ausbildung Wissen über komplizierteste Behandlungsmethoden und Therapiestrategien, sie haben aber über gesunde Ernährung in der Regel kaum fundierte, aus wissenschaftlicher Fachliteratur gewonnene Kenntnisse.

Im Gegenteil halten Ärzte, da sie selbst in einem karnistischen System sozialisiert und ausgebildet werden, nicht selten eine Form der Ernährung für gesund, die faktisch krank macht. Das System der modernen Medizin leistet so teilweise das Gegenteil dessen, was es eigentlich soll. Bezeugt wird dieses Paradox nicht zuletzt an den Krankenhauskantinen selbst, über die genau jene Nahrungsmittel vertrieben werden, gegen deren schädliche Folgewirkungen in den Krankenhäusern angekämpft wird.

 

Herzlichen Dank an Dr. Thilo Hagendorff für das Interview.

Zum Autor:

Der Sozialwissenschaftler & Ethiker Dr. Thilo Hagendorff lebt vegan, ist erfolgreicher Leistungssportler (Radrennen). Seit über zehn Jahren beschäftigt er sich mit der Rolle von Tieren in unserer Gesellschaft. Er hat viele Tierfabriken von innen gesehen und dabei Tierschutz-Skandale aufgedeckt. Derzeit arbeitet er beim Exzellenzcluster „Machine Learning“ an der Universität Tübingen.

Mehr auf der Homepage des Autors.

Was sich am Fleisch entscheidet

Über die politische Bedeutung von Tieren

Thilo Hagendorff
Büchner-Verlag 2021
290 Seiten
EUR 20,00 (D)
ISBN 978-3-96317-237-3

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Ein Artikel von Sandra
veröffentlicht am 14.04.2021
Freie Journalistin und vegane Mama von zwei Schulkindern. Beim Ethik.Guide und animal.fair als Blogautorin und Social Media/facebook-Managerin aktiv. Findet Glück in der Natur, beim Backen und Kaffeetrinken.