Verena Brunschweiger: Die Childfree-Rebellion

Kinderfreiheit

In ihrem Essay „Die Childfree-Rebellion – Warum „radikal“ gerade radikal genug ist“ befasst sich die Öko-Feministin und Philosophin Verena Brunschweiger mit dem Tabuthema der Kinderfreiheit aus ökologischen Gründen.

Die Autorin beschäftigt sich in ihrem neuen Buch mit den Auswirkungen und den – zum überwiegenden Teil negativen – Reaktionen, die ihr im Frühjahr 2019 publiziertes Manifest „Kinderfrei statt kinderlos“ hervorrief. Klimawandel und Reproduktion hängen unmittelbar zusammen. Brunschweiger vertritt einen Antinatalismus aus klimapolitischen Gründen, d.h. den Verzicht auf Kinder, um CO2-Emissionen einzusparen. Gerade in der Debatte um die Klimakrise wird das Thema der freiwilligen Kinderfreiheit kaum bzw. gar nicht medial behandelt, wenn es darum geht was jedeR einzelneR tun kann, um die permanente Überlastung der Ressourcen dieser Welt zu verringern. Es gibt keine effektivere Maßnahme den eigenen ökologischen Fußabdruck zu verringern, als sich gegen eigenen Nachwuchs zu entscheiden. Immerhin verbraucht ein Kind mit westeuropäischem Lebensstandard so viele Ressourcen wie 30 Kinder in den subsaharischen Ländern Afrikas. „Dass weniger Flugreisen und Fleischkonsum eben nicht alles ist, was man persönlich tun kann, wenn man umweltfreundlich leben möchte, fehlt in ganz frappanter Weise in der deutschen Medienlandschaft […]“

Zudem gilt es zu bedenken, was es für ein Kind bedeutet in eine Welt geboren zu werden, die an Ressourcenknappheit und Überbevölkerung leidet. Genauso wie es bei Hunden und Katzen üblich ist, sollte die Adoption von Kindern vermehrt in den Fokus gerückt und sich um jene Kinder gekümmert werden, die bereits geboren sind, anstatt neue zu produzieren. Brunschweiger betont, es gehe nicht darum, Kinder zu „hassen“ (sie arbeitet selbst als Gymnasiallehrerin) oder Eltern den Nachwuchs nicht zu „gönnen“, sondern lediglich um die persönliche Entscheidung keine Kinder bekommen zu wollen und den damit verbundenen (negativen) Reaktionen der Gesellschaft.

Die Autorin hinterfragt traditionelle Rollenbilder und das vorherrschende pronatalistische Dogma, nur mit Kind(ern) ein „erfülltes Leben“ haben zu können. Kinderfrei leben heißt, gegen soziale Erwartungen zu rebellieren: Von klein auf wird Frauen eingeimpft, das Beste was sie in ihrem Leben leisten könnten, wäre leibliche Kinder zu bekommen und nur als Mutter könnten sie eine komplette, vollwertige Frau sein. Männern wird eingeredet, sie müssten die Rolle des „Stammhalters“ erfüllen. Das eigene Kind fungiert hier als Statussymbol. Sehr interessant sind auch ihre Ausführungen, wie sich Pronatalismus in unserer Sprache niederschlägt und als „Werbung“ wirkt. Beispiele hierfür sind Redewendungen wie „das war aber eine schwere Geburt“ (eine Geburt ist immer eine Strapaze) oder „schlafen wie ein Baby“ (Eltern stehen ständig mehrfach pro Nacht auf, da das Baby eben nicht schläft).

Brunschweiger bricht eine Lanze für die Kinderfreiheit und liefert bestechende Argumente für ein Leben ohne Kinder aus ökologischer, ethischer und feministischer Sicht. Sie diskutiert Ansätze zu einer umweltsensiblen Lebensplanung, bei der auch die männliche Perspektive nicht zu kurz kommt. So haben beispielsweise kinderfreie Männer mit dem Stigma zu kämpfen unzuverlässig oder nicht verantwortungsbewusst zu sein. Und ja, Lebensglück lässt sich ganz wunderbar ohne biologischen Nachwuchs erreichen (wie wäre es z.B. mit politischem Engagement?). Verena Brunschweigers Anliegen: unser Planet soll noch länger bewohnbar und lebenswert bleiben. Es ist eigentlich ganz einfach: Weniger Menschen bedeuten mehr Ressourcen für alle. Dringende Leseempfehlung!

Die Childfree-Rebellion

Warum „radikal“ gerade radikal genug ist

Verena Brunschweiger
Büchner-Verlag 2020
160 Seiten
Ab 12,99 € (Paperback oder eBook)
ISBN: 978-3-96317-196-3

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Ein Artikel von Luise
veröffentlicht am 7.04.2020

1 Kommentar

  • Karin sagt:

    Gut, wenn man dazu stehen kann, kinderfrei zu leben und dabei kein schlechtes Gewissen hat, weil es entweder nie ein Thema war oder ohnehin die Umstände für einen selbst oder das künftige Kind nicht passend sind und man über genügend Vernunft besitzt Vor- und Nachteile abzuwägen oder hormonelle Anwandlungen überwinden kann.

    Zudem kommt, wie im Artikel angesprochen, die Tatsache, dass die sozialen und allgemeinen Umweltfaktoren meist und zunehmend gegen eine Verlängerung von Leid und Generationenkonflikten spricht. Viele glauben, wenn es persönlich finanziell nicht ausreicht, dann gibt es genügend staatliche Unterstützung – aber will man ernsthaft ein Kind von Beginn an zu einem Bittsteller degradieren?

    Es soll weniger eine Wertung sein als die Tatsache formulieren, dass es meist die schlecht gebildeten, sozial schwachen, emotional unreifen Menschen sind, die früh und auch viele Kinder in die Welt setzen und diese dann mit einer Haltung sowie Erfahrung des Mangels, falscher Autorität und zunehmender Gewalt aussetzen und Kinder damit Opfer von psychischer oder physischer Gewalt werden. Ob dies gewollt oder ungewollt ist, sei dahin gestellt.

    Den angehenden Eltern fehlt es oft an Selbstreflexion, einer starken und zugleich empathischen Haltung mit Resilienz, um zuvor sich selbst führen zu können bevor man neues Leben in die Welt setzt und glaubt, eine Vorbildwirkung haben zu können. Das geht meist nach hinten los. Und beinahe jede/r kennt das aus dem eigenen Elternhaus oder den oft medial dargestellten Sachverhalten.

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