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(Neo)Kolonialismus und Klimawandel

Die Herausforderungen der Klimakrise lassen sich nicht regional lösen. Es braucht kollektive Anstrengungen, um die letzte Chance zu ergreifen, die katastrophalen Konsequenzen der Erderwärmung zu verhindern. So bringt es Jennifer Haverkamp, international anerkannte Expertin für Klimawandel, globalen Handel und Umweltpolitik, auf den Punkt. Alle Nationen, die sich nach Glasgow zur COP 26 begeben haben, tragen dafür Verantwortung und müssen Verpflichtungen eingehen, die streng genug sind, Veränderungen zu erwirken. Und schon längst vernetzen sich viele internationale Organisationen mit AktivistInnen, zeigen Eigeninitiative und ziehen politische Repräsentantinnen zur Verantwortung.

Zunehmende Dürre trifft alle. (Foto: Pexels, Jad El Mourad)

Alle Player einbinden

Um alle Player wirklich einzubinden, ist jedoch nicht nur Einsicht in die Problematiken der Klimaveränderung wichtig, sondern auch eine veränderte Sichtweise auf die Handelnden. Die Momentaufnahme der Klimakrise führt vor Augen, dass der einseitige Blickwinkel westlich geprägter Ökonomien, die sich meist als Speerspitze eines globalen Fortschritts inszenieren, Teil des Problems ist. Die lineare Vorstellung, es gehe immer voran, passt nicht zu einer Erde, die zirkulär funktioniert. Man kann die Fortschrittsideologie mit einem eindimensionalen Vorwärtsstrahl vergleichen, der keinerlei Auswirkungen einbezieht und sich so in eine haltlose Zukunft schießt. Bildlich gesprochen, geht es nun darum, Verwobenheit und Wechselwirkungen von Handlungen in einem Kreislauf anzuerkennen.

Wirtschaftssystem ändern

Das derzeit herrschende Wirtschaftssystem beruht auf Extraktion. Es herrscht die Maxime, die eigenen Interessen mittels maximaler Ausbeutung von Ressourcen durchzusetzen. Die Auswirkungen der Extraktionsökonomie sind für den „Globalen Süden“ keine Angelegenheit der Zukunft. Erdöl- und Kohleindustriekonzerne und nicht zu vergessen die Agrarindustrie, arbeiten konsequent mit Lobbyismus. Die pakistanische Politikwissenschaftlerin Ayesha Siddiqa forderte zuletzt 2019, nach der COP25, den Einfluss der Öl-, Gas- und Kohleindustrie aus den internationalen Klimaverhandlungen zu entfernen. Förderungen für Erdöl- und Erdgasabbau sind ebenso unverantwortlich wie solche für die destruktive Agrarindustrie, die Wälder abholzt oder abbrennt, um mehr Futtermittel für die Tiermast anbauen zu können.

Flutwellen und Überschwemmungen häufen sich. (Foto: Unsplash, Todd Turner)

Perspektiven erweitern

Eine (neo)koloniale Denkweise zeigt sich häufig schon im Wording der Verhandlungen. So beispielsweise beim Ausdruck “Globaler Süden“, der in den 1980er Jahren seitens der Weltbank in entwicklungspolitische Debatten eingebracht und als Gegensatz zum industrialisierten – gleichbedeutend mit „entwickelten“, „fortschrittlichen“ – Norden entworfen wurde. Auch der immer noch oft verwendete Begriff „Entwicklungsländer“ unterstellt, diese Länder wären vergleichsweise zurückgeblieben.

Mangelnde Repräsentation

Dazu kommt eine inakzeptable Unterrepräsentation von ExpertInnen dieser Weltgegenden auf der COP 26. Für viele VertreterInnen des „Globalen Südens“ ergaben die komplizierten, sich immer wieder ändernden Covid-Bestimmungen massive Probleme. Unübersichtliche und lange Quarantäne- und Reisezeiten sprachen dagegen, an der Konferenz teilzunehmen. Für viele war die Teilnahme schlicht nicht leistbar. Dabei sind gerade diese Menschen am stärksten betroffen von Erderwärmung und Dürren, Flutwellen und Wasserverschmutzung. Zudem verfügen sie vielfach über traditionelles Wissen und Praktiken, die im Umgang mit den Auswirkungen des Klimawandels von Nutzen sein können. Ihr Knowhow verdient ebenso wie akademische Forschungsergebnisse Beachtung und Präsentation an prominenter Stelle. Hier ist ein Perspektivwechsel und ein anti-kolonialistischer Blick gefordert.

(Neo)Kolonialistische Praktiken

Die (neo)kolonialistische Ideologie vieler internationaler Konzerne zeigt sich etwa in der Vorgangsweise, Anbauflächen aus dem eigenen Staatsterritorium in andere Gebiete zu verlegen. Entweder in Länder des „Globalen Südens“ – oder in Landstriche, die ohnehin unterprivilegierten Bevölkerungsschichten zugeordnet sind. Diese Praxis ist vergleichbar mit dem Redlining in den USA – hier wurden Gebiete mittels eines institutionalisierten Rassismus abgegrenzt und diskriminiert. So werden zum Beispiel Dienstleistungen an Bewohner dieser Gebiete verteuert angeboten oder gar verwehrt. Gerade die ökonomisch und lobbyistisch weniger mächtigen Regionen sind doppelt benachteiligt: Sie nehmen am durch Extraktion erreichten Wohlstand kaum teil, zum anderen erleben sie früher als die (Neo)Kolonialmächte die Folgen.

Internationale AktivistInnen arbeiten an konstruktiven Lösungen. (Foto: Pixabay, photoshopper24)

Taking action

Ayesha Siddiqa verweist auf die Pflicht gewählter politischer Führungskräfte, alle zu vertreten. Wenn sie dies versäumen, sollen sie ihre Position verlieren. Zahlreiche internationale Organisationen wie COP 26 Coalition, Rainforest Alliance oder Polluters Out, zu denen Länderorganisationen von Fridays for Future, Extinction Rebellion oder Power Shift Nepal gehören, haben sich vernetzt. Sie lassen sich von einem alten und neuen kolonialistischen Weltbild nicht weiter bevormunden. Sie verlangen ihr Recht auf Selbstbestimmung und arbeiten schon längst konstruktiv an Lösungen. Bis vor Kurzem hat man indigene Bevölkerungen oder BewohnerInnen des sogenannten globalen Südens als Opfer der Auswirkungen des Klimawandels betrachtet und nicht als AkteurInnen des Umweltschutzes. Das ändert sich gerade.

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Ein Artikel von Susanne Karr
veröffentlicht am 18.01.2022
Als Philosophin und Journalistin beschäftige ich mich mit der Verbundenheit von menschlichen und nichtmenschlichen Lebewesen. Darum geht es auch in meinem Blog www.aureliapangolini.com