Ein Wildnisrefugium in der Großstadt: Der Wiener Prater

Wenn vom Wiener Prater die Rede ist, denken viele wahrscheinlich zuerst an den berühmten Würschtelprater, an Riesenrad, Achterbahn und Süßkram. Folgt man der Hauptallee weg vom Stadtzentrum hin zum Lusthaus, zeigt sich der Prater aber von einer noch wilderen Seite. Das sich hier auftuende Waldgebiet besitzt dank Abwesenheit forstwirtschaftlicher Nutzung und dem daher stammenden großen Totholzanteil Charakteristika eines Naturwaldes. Wenn der Wald seinem natürlichen Kreislauf folgen kann, indem große alte Bäume Zeit haben, um entsprechende Habitate, also Wohnorte für bestimmte Arten, zu entwickeln, erblüht die Vielfalt. Somit stellen die Praterwälder ein wichtiges Refugium für Flora und Fauna inmitten der Großstadt.

Rotes Eurasisches Eichhörnchen klaut Vogelfutter (Foto: Teresa Kuen)

Ein paar Eckdaten

Der grüne Prater befindet sich im 2. Wiener Gemeindebezirk und hat eine Größe von 513 Hektar. Die 4,4 Kilometer lange Hauptallee streckt sich vom Praterstern bis zum Lusthaus. Die gesamte Fläche ist mit der Schutzkategorie des Landschaftsschutzgebiets ausgewiesen und die Biotopkategorie gilt als harte Au. Typisch für diesen Lebensraum sind viele Wasserkörper die bei Starkregen auch über das Ufer treten, ebenso wie hohes Grundwasser. Diese Bedingungen ermöglichen das Wachsen mächtiger Pappelgruppen, mit dichtem Unterholz, also Sträucher und andere Vegetation am Boden.

Silberpappeln im Herbstgewand (Foto: Teresa Kuen)

Eine kurze Pratergeschichte

Maximilian II erklärte den Prater 1560 zu einem den Habsburgern vorbehaltenen Jagdgebiet. Die Öffnung für die breite Öffentlichkeit erfolgte 1766 durch Joseph II. Aufgrund der Weltausstellung 1873 wurden erstmals große Eingriffe in die Landschaft des Praters getätigt. Seither verliert der Prater immer mehr Fläche und die Dynamik im Wald ändert sich.

Einst war das Areal Teil des Aulandes der Donau, an den Altgewässern im Prater lässt sich dies noch erkennen,  wie hier beim Mautherwasser. Durch die Regulierung der Donau geht aber zunehmend der Aucharakter, mit dem typischen hohen Grundwasserspiegel und häufigen Überschwemmungen verloren. Aulandschaften mit ihrer besonderen Dynamik werden global immer seltener aufgrund der Nutzung und Regulierung von Flüssen für Stromerzeugung und dementsprechend sind sie naturschutzfachlich äußerst relevant.

Der wilde Prater beim Mautherwasser (Foto: Teresa Kuen)

Der Konflikt zwischen Natur und Mensch in der Praterwildniss

In Erholungswäldern herrscht ein erhöhtes Konfliktpotenzial zwischen Mensch und Natur durch zum Beispiel Mülleintrag oder Lärmbelästigung. Denn laute Geräusche können zu Fluchtreaktionen bei Tieren führen, besonders im Winter wenn sie mit ihren Energien sorgfältig haushalten müssen, kann dies langfristig negative Auswirkungen haben. Die Waldwege im Prater werden auch zunehmend als Radwege benützt, obwohl dies außerhalb von der asphaltierten Allee nicht gestattet ist. Nutzen wir Wälder für Freizeitzwecke, führt es unweigerlich zu Erosion und Zertrampeln der Vegetation. 

Tiere am Boden kriechend oder krabbelnd, die versuchen einen ausgetretenen Weg zu queeren, begeben sich regelmäßig in Lebensgefahr. Ein bedachter Blick zu Boden, vor allem nach Regen, wird belohnt mit Erblicken der feinsten Vielzahl von Schneckenhäusern und anderen Tierchen und dem Wissen ein Leben gerettet zu haben.

Bewege dich achtsam auf den Waldwegen. Vor allem nach Regen rettest du so Weinbergschnecken das Leben. (Foto: Teresa Kuen)

Die Relevanz von Totholz

Totholz, also Bäume, die nicht mehr durch die Wurzeln mit Nährstoffen versorgt werden, sind die mit Abstand wichtigsten Treiber für Biodiversität im Wald. Die Bezeichnung “Totholz” ist verwirrend, denn es ist alles andere als tot. Abgestorbene Bäume beziehungsweise Äste sind Nährboden für eine immense Menge und Variation von Insekten. Zum Beispiel die Larven des Hirschkäfers, welcher auch im Prater heimisch ist, entwickeln sich bis zu 8 Jahre lang in von Pilzbefall zermürbten Eichentotholz. Im Spätsommer fliegen die erwachsenen Käfer durch den Prater und wirken aufgrund ihrer Größe und Lautstärke wie angeheiterte Feen.
Im Zuge meiner Bachelorarbeit habe ich eine Habitatbaumanalyse über einen Waldabschnitt beim unteren Heustadelwasser gemacht. Das bedeutet, ich habe Mikrohabitate an Bäumen gezählt und untersucht. Mikrohabitate sind spezifische Lebensräume, die verschiedenen Tierarten dienen wie Stammhölen, Totholz in der Krone oder faule Stellen. Am Baum aufsitzende Pflanzen wie Misteln oder Efeu gelten ebenfalls als Lebensraum und dessen Früchte stellen Nahrung für diverse Tierarten. Diese Feldanalyse hat mit unter bestätigt, was in der Theorie schon bekannt ist: Eichen stellen die meisten Habitate, denn diese sind Totasterhalter. Das bedeuten, man findet auch an lebenden Eichen größere Mengen an abgestorbenem Ast- und Kronenholz. Desto älter ein Baum, desto mehr Zeit und Chance hat er um diese wichtigen Mikrohabitate zu entwickeln und dadurch die biologische Vielfalt im Wald zu erhalten und voranzutreiben. Sofern diese kurze Erzählung bei euch Interesse geweckt hat, selbst potenzielle Habitate an Bäumen zu erkunden und herauszufinden, wer diese bewohnen könnte, lege ich euch diesen gratis Taschenführer ans Herz.
 

Nebelkrähe auf liegendem Totholz mit begrünten Mikrohabitat (Foto: Teresa Kuen)

Der menschliche Konflikt mit Totholz im Erholungswald

Wegen des relativ hohen Altholzbestands besteht Gefahr, dass Menschen von fallendem Kronentotholz getroffen werden könnten. Um dem vorzubeugen, erfolgen Sicherheitsmaßnahmen entlang der Gehwege. Die Gartenabteilung der Stadt Wien eruiert, wo Wege entstehen und wo potenziell gefährliche Bäume beziehungsweise Kronentotholz ist. Besonders jetzt in Pandemiezeiten steigt das menschliche Bedürfnis, die Wiener Wälder zu erkunden und dementsprechend entstehen auch weitere und breitere Wege. Deshalb und auch wegen Käferbefall  werden vermehrt Bäume gefällt und manchmal beschnitten. Diese Arbeiten erfolgen großteils im Winter, dadurch verliert der Prater jedes Jahr Habitatbäume und die hiesigen Tiere ihr Zuhause.

Die Stadt Wien setzte auf Naturverjüngung, sprich es werden keine neuen Bäume gepflanzt, sondern es wird darauf vertraut, dass durch das Fällen die zarten Jungbäume an mehr Licht gelangen und dadurch ihre Vorgänger ersetzen können.

Meistens werden Bäume komplett gefällt, da das partielle Beschneiden wesentlich aufwendiger und kostspieliger ist. Wenn stehende Totholzstämme auffindbar sind, ist das der Umweltschutzabteilung zu verdanken. Ein Konflikt entsteht auch, weil wilde Natur mit liegendem und stehenden Totholz von Laien oft als „unaufgeräumt“ empfunden wird.

In der Wildniss braucht es keine menschliche Ordung (Foto: Teresa Kuen)

Raritäten in den Praterwäldern

Aber der wilde Prater ist alles andere als unaufgeräumt, er ist vielfältig und divers. Geschulte Augen und Ohren finden und hören hier das ganze Jahr lang kleine und große Schätze wie zum Beispiel den Gesang und die Einschlagspuren von den vielen verschiedenen Spechtarten auf stehenden und liegendem Totholz. Der größte und gefährdetste Vertreter hierbei ist der Schwarzspecht, seine Rufe ähneln dem eines Meerschweinchens und er hinterlässt die größten ovalen Einhackspuren. Außerdem lassen sich in diesen Wäldern die einzigen in Europa heimischen Lianen, die sogenannte Gewöhnliche Waldrebe (Clematis vitalba) finden.

Die Vielzahl von Löchern und Krater, die in der Praterwildnis vorfindbar sind und in den Frühlingsmonaten mit Beerlauch bedeckt sind, sind übrigens Relikte von Bombenanschlägen aus dem Zweiten Weltkrieg (Foto: Teresa Kuen)

Eine Schatzkiste der biologischen Vielfalt mitten in der Großstadt

Wer lange genug an den Pratergewässern sitzt, wird möglicherweise Zeuge eines Revierkampfes zwischen der ein oder anderen Vogelwart. Die Gewässer Namens Oberes und Unteres Heustadelwasser und das Mauthnerwasser, sind Altarme der Donau und stellen den in Wien heimischen und zugezogenen Vogelarten wichtige Habitate. Hier trifft man auf Schwäne, Graureiher, Möwen, Mandarinenten, Stockenten und eine Vielzahl von Raben- und Nebelkrähen.

Schwan zwischen Schilf beim Mautherwasser (Foto: Teresa Kuen)

Trotz menschlicher Störungen ist der wilde Prater ein wichtiger Rückzugsort für die Wiener Flora und Fauna. Seltene Arten wie der Alpenbock, Hirschkäfer, Grün- und Schwarzspecht finden hier eine Heimat. Ebenso eine Vielzahl von Weinbergschnecken, Eichhörnchen und Rehen. Die großen Mengen von Totholz und die hohe Dichte von Altbäumen weisen wichtige Mikrohabitate wie Höhlen und Rindentaschen auf und auf diese sind ein Großteil der auf der Roten Liste stehenden Insektenarten gebunden. Die diverse Landschaft und besonders die Mischung zwischen Wald, Wasser und Wiesenabschnitten stellt einen wichtigen und abwechslungsreichen Lebensraum für viele Arten.

Graureiher beim oberen Heustadelwasser (Foto: Teresa Kuen)

Wie können wir diesem einzigartigen Refugium bestmöglich helfen?

Den größten Vorteil für alle Beteiligten haben wir immer, wenn wir unserer Umwelt und unseren Mitmenschen mit Respekt gegenübertreten. Sprich, halte dich zurück mit lauter Musik und Geschrei, denn das stört und verschreckt die Wildtiere. Lass auch keinen Müll liegen oder noch besser: Wenn du welchen findest, nimm ihn mit.
Regeln sind für unsere und die tierische Sicherheit im Prater vorhanden: Radfahren ist überall außer auf der betonierten Hauptallee verboten und Hunde dürfen nur in der gekennzeichneten Hundezone ohne Leine laufen.

Wissen ist Macht. Der Natur ist immer geholfen, wenn wir uns mit ihr respektvoll in Verbindung setzten und im Vorhinein oder während wir im Wald sind, informieren. Mit diesem neu gewonnenen Wissen können wir auch Andere über die großen und kleinen Wunder im Wald aufklären und dadurch die Begeisterung für die Natur und ihre Bewahrung weitertragen.

Der Prater ist viel mehr als nur ein Vergnügungspark oder Erholungswald, er ist eine Schatztruhe an Biodiversität mitten im Herzen Wiens.

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Ein Artikel von Resl
veröffentlicht am 22.02.2022