Es lebe der Zentralfriedhof und alle seine Tiere

Der Zentralfriedhof in Wien Simmering ist mit einer Fläche von 2,5 Quadratkilometern der zweitgrößte Friedhof Europas – und wichtiger Rückzugsort für viele Tierarten, die man so in der Großstadt gar nicht vermuten würde: von Baummardern, Füchsen und Rehen über Störche und Turmfalken bis hin zum Wiener Nachtpfauenauge, dem größten Nachtfalter Mitteleuropas.

Selbst Rehe fühlen sich am Wiener Zentralfriedhof wohl und können dort in den Abendstunden beobachtet werden. Kleine Wäldchen bieten ihnen einen ungestörten Rückzugsort. (Foto: Wikimedia, DanielZanetti)

Lebensraum Zentralfriedhof

Grund ist die Lebensraumvielfalt, die die Tiere am Areal von Wiens größtem Friedhof vorfinden. Es gibt dort nämlich viel unberührte Natur – insgesamt 15.000 Bäume und 40 Kilometer Hecke befinden sich zwischen den Gräbern. Aber auch die von Menschenhand errichteten Strukturen bieten manchen Arten einen guten Wohnraum. So nisten etwa Turmfalten auf dem Dach der Karl-Borromäus-Kirche. Zusätzlich wurde ein eigener Naturgarten geschaffen. Dieser ist fast 40.000 Quadratmeter groß und bietet neben Bäumen, Sträuchern und zwei Schmetterlingswiesen, die im Sommer nicht gemäht werden, auch ein natürlich angelegtes Feuchtbiotop mit Schilfgürtel. Für wärmeliebende Tierarten wie Reptilien gibt es außerdem einen begrünten, felsigen Hügel.

Auch streng geschützte Arten sind am Zentralfriedhof zu finden, darunter zum Beispiel der Neuntöter und der Feldhamster. Diese sind aus den meisten ihrer natürlichen Lebensräume bereits vertrieben worden, unter anderem durch intensive Landwirtschaft und den stetig steigenden Flächenverbrauch.

Feldhamster auf Nahrungssuche

Der Feldhamster wird auf der Roten Liste als gefährdet eingestuft und ist somit streng geschützt. Er findet in der Stadt, insbesondere auf Friedhöfen wie dem Wiener Zentralfriedhof einen geeigneten Lebensraum. (Foto: Pixabay, SgH)

Der Wiener Zentralfriedhof beteiligt sich außerdem am Igelschutzprojekt der Wiener Friedhöfe, das seit 2015 auf insgesamt sieben Friedhöfen besteht. Das bedeutet, dass jeden Winter Laub- und Asthaufen auf dem Areal errichtet werden, die den dort wohnenden Igeln als Überwinterungsquartier dienen. Diese Strukturen sind auch für andere Tierarten essentiell; neben Schutz und Wärme für Igel bieten sie auch eine Nahrungsquelle für Singvögel und andere Insektenfresser, die kleine Käfer zwischen den Ästen finden.

Igel im Herbst

Igel brauchen Laub- und Asthaufen um darin zu überwintern. (Foto: Pixabay, Alexas_Fotos)

Neben den vielen Wildtieren bietet der Friedhof außerdem auch Honigbienen ein Zuhause. Sie wurden 2013 im Naturgarten angesiedelt und summen seither durch die zahlreichen Baumalleen und weitläufigen Blumenwiesen.

Grabblumen als Snack

Doch auch unabhängig von den Maßnahmen der Stadt Wien hat sich die Tierwelt perfekt an die Bedingungen am Zentralfriedhof angepasst. Dachse profitieren von den Aufgrabungen, da sie so leichter an Regenwürmer kommen. Feldhamster nutzen Allerheiligen, um fleißig Nahrung für ihre Winterruhe zu sammeln – Grabblumen werden für sie zu einem vitaminreichen Snack. Und Krähen holen sich wertvolle Kalorien in Form von fetthaltigem Kerzenwachs, das sie aus Grabkerzen pecken.

Flora und Fauna finden also immer einen Weg, zu existieren – auch in Städten, welche das Sinnbild des menschlichen Einflusses darstellen. Die Natur passt sich uns an – wie schön könnte die Welt sein, wenn auch wir uns an der Natur orientieren würden?

 

Zum Anschauen:

Es lebe der Zentralfriedhof – Universum

Sleepless cities – Night on Earth

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Ein Artikel von Teresa Kuen
veröffentlicht am 1.11.2020