Jagd und (Tier-)Ethik – passt das zusammen? Interview mit Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer

Ein Interview mit Naturwissenschaftler, Evolutionstheoretiker und Mitbegründer der ÖTT (Plattform Österreichischer Tierärztinnen und Tierärzte für Tierschutz) Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer zum Thema Ethik in der Jagd.

Hege und Winterfütterung: Greenwashing und Marketing-Gag der Jägerschaft? (Foto: pixabay, Alexas_Fotos)

Alle gängigen tierethischen Theorien sehen die Art und Weise, wie wir mit empfindungsfähigen Tieren umgehen, als falsch respektive inakzeptabel an, die meisten lehnen auch die Tötung außer etwa Euthanasie ab – wie passt also die Jagd in ihren unterschiedlichen Formen – Hege, Hobbyjagd/Trophäenjagd, Subsistenzjagd (Jagd zu Ernährungszwecken) bis hin zur Ultima-Ratio-Jagd – mit der Ethik zusammen?

Dies und mehr besprechen wir in einem Interview mit Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer – vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview mit uns nehmen!

Sie haben Veterinärmedizin studiert, waren bis zu Ihrer Pensionierung praktischer Tierarzt, Amtstierarzt sowie Lebensmittelwissenschafter und haben sich intensiv mit dem Thema Ethik und Jagd auseinandergesetzt, wie man an vielen Ihrer Publikationen sehen kann. Außerdem sind – oder waren sie selbst Jäger?

Ich bin jagdlich sozialisiert worden – mein Vater war Jäger, ich war lange Jahre selber Jäger, habe allerdings vor etwas mehr als 10 Jahren endgültig aufgehört mit der Jagd.

Wie bewerten sie das Argument, dass Jagd sehr wohl auch als positiv für das Tierwohl eingestuft werden kann, da die Jagd eine Überpopulation in einem bestimmten Gebiet (Revier) entgegenwirkt und somit ein qualvolles Verhungern der Tiere verhindert?

Das kann man natürlich so sehen, ich persönlich tue mir sehr schwer damit, den geplanten, gewaltsamen und frühzeitigen Tod eines empfindungsfähigen Tieres als etwas Positives zu sehen. Es sei denn, man erspart ihm dadurch schwere Schmerzen, Leiden und Qualen. Es klingt für mich nach Greenwashing und einem Marketing-Gag der Jägerschaft.

Wenn man die jagdlichen Verhältnisse in Mitteleuropa anschaut, so sind diese noch immer beeinflusst vom landwirtschaftlichen Denken des Reichsjagdgesetzes und der Hege, wo das künstliche Hochhalten der Wildbestände aus Sicht einer maximalen Nutzung der Umwelt durchaus einen gewissen Sinn hatte. Heute sehen wir das anders. Unsere Kenntnisse über Tierethik, Tierschutz, Verhaltens- und Kognitionsbiologie zwingen uns, die Tiere ganz anders zu sehen, als dies früher der Fall war. Die Gesetzgebung hinkt leider immer hinterher.

Ein konkretes Beispiel hierfür sind die Wintergatter: Das sind Einrichtungen von einigen Hektar, in denen insbesondere das Rotwild im Herbst eingesperrt und gefüttert wird, weil in der umliegenden Gegend im Winter nicht genug Nahrung zur Verfügung steht. Ursprünglich war dies eine forstliche Notwehrmaßnahme, damit das Wild den Wald nicht zusammenfrisst. Heute ist dies vielmehr ein jagdlicher Selbstzweck geworden, um viel mehr Wild zu haben, als der Lebensraum hergibt und zur Heranzüchtung von Trophäen. Die Steiermark hat über 200 solcher Wintergatter. Zusammenfassend gesagt: Jagd mit Tierwohl verknüpfen zu wollen ist also ein doch recht skurriler Ansatz.

Dass der natürliche Lebensraum von Wildtieren durch die menschliche Nutzung stark eingeschränkt wurde, ist unbestreitbar – gibt es einen bessern Ansatz als die Praxis der Hege in der Form eines Kreislaufs aus Winterfütterung und dezimierender Jagd?

Natürlich gibt es da viele bessere Ansätze. Hege oder Fütterung an Wintergattern bedeutet ja nichts anderes, als einen höheren Wildbestand halten zu wollen, als der Lebensraum hergibt. Bei schwer gefährdeten Tierarten lässt sich darüber diskutieren, was getan werden kann, damit diese Arten nicht aussterben. Bei uns reden wir aber über Arten, die massenhaft vorhanden sind – Rotwild, Rehwild und eventuell Schwarzwild – wenn der Lebensraum passt. Man muss im Interesse der Landwirtschaft, der Forstwirtschaft und in unser aller Interesse den Wildstand an den Lebensraum anpassen. Es muss zu jeder Jahreszeit ausreichend Deckung, Brut- und Nahrungsmöglichkeit für diese Tierarten vorhanden sein. Wenn dies nicht der Fall ist, müssen wir uns eingestehen, dass wir zu viel zupflastern, verbauen und der Natur entnehmen und daher der Natur z.B. in Form von Schutzgebieten wieder zurückgeben sollten. In Zusammenhang mit Klimawandel und Artensterben sehr ernstzunehmende und wichtige Themen.

Es liegen Zahlen vor, dass in Österreich im Jagdjahr 2016/17 762.000 Tiere erlegt wurden. Gibt es auch Nachweise, wie hoch der Prozentsatz an schlecht getroffenen Tieren ist, die dann einen langen qualvollen Todeskampf erleiden?

Es gibt keine validen Zahlen und die Jägerschaft hat auch alles Interesse daran, keine zu liefern. Von Gesprächen mit Hundeführern, die Nachsuche nach schlecht getroffenem Wild durchführen, weiß ich, das das immer wieder passiert. Die Nachsuche erfolgt jedoch in den meisten Fällen nur bei Trophäenträgern (z.B. Rehbock, Hirsch, Gams): Man kann davon ausgehen, dass zehn Nachsuchen z.B.  Rehböcken, während nur eine einem Stück weiblichen Wildes gelten. Bei entsprechender Schießfertigkeit, Übung, körperlicher Fähigkeit und optimaler Ausrüstung sollten zumindest beim Kugelschuss die Fehlschüsse gering sein.

Wenn schon töten – und das ist letzten Endes ja auch die Absicht der Jagd – dann so schmerzfrei und sicher wie möglich.

Ganz anders sieh es im weiten Feld der Niederwildjagd aus, wo mit Schrot auf in Bewegung befindliches Wild geschossen wird. Da kommt es zu viel mehr Fehlschüssen – oft kann es 4-6 Schüsse benötigen, bis ein Stück Wild erlegt ist. Noch dazu handelt es sich nicht immer um 100 Prozent Fehlschüsse – einzelne Geschosse einer Schrotgabe können Wild verletzen, ohne es sofort zu töten, was natürlich sehr viel Tierleid nach sich zieht, welches bei dieser Form der Jagd offensichtlich billigend in Kauf genommen wird.

In den Jahren 2017/2018 gab es in Österreich ca. 130.000 Jägerinnen und Jäger, davon rund 20.000 Jagdschutzorgane – kann man also die restlichen 110.000 somit als Hobbyjäger einstufen?

Es sind sogar mehr, denn von diesen 20.000 Jagdschutzorganen sind die meisten wiederum Hobbyjäger. Man könnte sie eher nach Berufs- und Hobbyjäger unterscheiden. Berufsjäger gibt es maximal ein paar Tausend – es sind dies Angestellte bei den Österreichischen Bundesforsten oder bei Großgrundbesitzern, die dies professionell als Berufsjagd betreiben, Jagdgäste führen und Wildmanagement betreiben. Meiner Meinung nach benötigt es mehr solcher Berufsjäger – auch amtlicherseits – da die Hobbyjagd doch oft recht unprofessionell und unvorbereitet durchgeführt wird. Nur eine überschaubare Zahl an Jagdkarteninhabern üben die Jagd wirklich regelmäßig und intensiv aus und schießen mehr als 10-15 Stück Schalenwild pro Jahr. Den anderen Hobbyjägern fehlt es oft an jagdlichem Know-how. Im Englischen nennt man das sehr treffend „recreational hunting“, also die Jagd zu Erholungszwecken, während man bei uns die Jagd gerne als angewandten Naturschutz darstellt, was sie natürlich nicht ist.

Wie unterscheidet man die gerechtfertigte oder Ultima Ratio-Jagd von der Hobbyjagd und kann man die Hobbyjagd überhaupt als „weidgerecht“ einstufen?

Die Ultima Ratio-Jagd ist auch tierethisch relativ gut rechtfertigbar, da hier nur gejagt werden darf, was in der Kulturlandschaft unbedingt bejagt werden muss. Aus rein biologischer Sicht gibt es einige Tierarten, die von den Veränderungen in der Kulturlandschaft profitieren, während andere darunter leiden. Rehwild, Schwarzwild und Rotwild beispielsweise profitieren und vermehren sich sehr gut in menschlicher Nachbarschaft. Durch menschliche Eingriffe, günstige Umstände und jagdliche Fehler überhandgenommene Wildbestände müssen derzeit noch reguliert werden.

Österreichweit sind die Jagdgesetze bundesländerweise verschieden. Es gibt jedoch rund 40-50 jagdbare Tierarten, von denen die meisten überhaupt nicht bejagt werden müssten, da sie sich selber regulieren. Solche Populationen sind biologisch so ausgestattet, dass sie sich dem ihnen bietenden Lebensraum anpassen. Diese Tierarten würden demnach auch keinen Schaden verursachen noch reihenweise wegsterben, sie bekommen einfach weniger Nachkommen wenn es ein geringeres Nahrungs- und Platzangebot gibt. Ultima Ratio-Jagd bei uns würde heißen, nur Rotwild, Rehwild und Schwarzwild möglichst professionell zu bejagen und die anderen Wildarten in Ruhe zu lassen. Wünschenswert wäre hierbei auch eine wissenschaftliche Begleitung der Populationsentwicklung der Wildtiere.

Wie stehen sie zu einem generellen Jagdverbot für Hobbyjäger?

Auch Hobbyjäger könnten für die Ultima Ratio Jagd herangezogen werden, wenn sie dies aus Leidenschaft und gerne machen, wobei man die Leidenschaft behördlich zügeln muss. So könnte man engagierten Hobbyjäger weiterhin Jagd ermöglichen. Unter behördlicher Kontrolle, möglichst professionell und unter wissenschaftlicher Begleitung nur die drei genannten Wildarten zu jagen, mit der Option, in Ausnahmefällen auch andere Arten zu jagen, sollte dies aus wissenschaftlicher Sicht erforderlich sein.

Jagdbehörden sind die Magistrate in Wien und Bezirkshauptmannschaften in den Bundesländern – kann in diesem System überhaupt eine ausreichende Kontrolle der Weidgerechtigkeit/Ultima-Ratio Jagd gewährleistet werden?

Es ist schwer möglich. Es gehört zum Wesen der Jagd, leise und sehr vorsichtig draußen in Wald und Feld Wild aufzufinden. Diese für eine erfolgreiche Jagd normalen Bedingungen widersprechen also jeglicher Transparenz und Kontrolle – da man schwer einen Kontrolleur mitschicken kann. Es muss viel auf Vertrauensbasis passieren. Es gibt zwar die Möglichkeit der sogenannten Grünvorlage, bei der sich die Behörde stichprobenartig frisch geschossene Stücke vorlegen lässt, welche dann nach Art, Alter, Geschlecht, etc. kontrolliert werden. Dabei kann auch festgestellt werden, mit wie vielen Schüssen das Tier erlegt wurde und dadurch, ob dies tierschutzgerecht geschah. Gerade Jagd ist ein Bereich, bei dem sehr viel auf Vertrauen gesetzt werden muss, aber das behördliche Engagement und die Kontrolle müssten doch deutlich mehr werden, als dies im Augenblick der Fall ist.

Wäre es ihrer Meinung nach ein guter Ansatz, das Jagdgesetz bundesweit anzugleichen? Derzeit ist es in Österreich Bundesländerangelegenheit.

Grundsätzlich wäre dies wünschenswert. Die Jägerschaft argumentiert gerne mit den Besonderheiten der einzelnen Bundesländer, doch war dies auch bei anderen Gesetzen schon der Fall, zum Beispiel dem jetzt einheitlichen Tierschutzgesetz, mit dem wir seit 2005 ganz gut zurechtkommen. Die Jagd ist übrigens vom österreichischen Tierschutzgesetz ausgenommen, müsste jedoch unbedingt darin aufgenommen werden. Tierschutz gilt für alle Tiere.

Vielen Dank lieber Herr Winkelmayer für das interessante Gespräch!

Das vollständige Interview wird bald hier und auf unserem Youtube Kanal zu sehen sein.

Über den Interviewten

Prof. Dr. Rudolf Winkelmayer war in seiner beruflich-aktiven Zeit als Kleintierpraktiker und Amtstierarzt tätig. Außerdem ist er Lebensmittelwissenschaftler, Mitbegründer der ÖTT (Plattform Österreichischer Tierärztinnen und Tierärzte für Tierschutz) und Autor zahlreicher Publikationen und Bücher in Sachen Tierschutz, Tierethik, Jagdethik und Wildbrethygiene.

 

 

 

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Ein Artikel von Johanna
veröffentlicht am 7.10.2021
Berufliche Tausendsassa mit Outdoorfieber. Bei Regen gerne mal am Sofa anzutreffen, solange Buch und Hunde mit dabei sind.

3 Kommentare

  • Ich bin amtlich bestätigter Schweißhundeführer in Deutschland mit deutlich über 100 Einsätzen im Jahr.
    Das fast nur Trophäenträger nachgesucht werden kann ich keinesfalls bestätigen. Der Anteil der Trophäenträger ist in meiner Nachsuchenstatistik nicht höher als ihr Anteil am tatsächlich durchgeführten Abschuss. (Wir Deutschen lieben Statistiken ;-)
    Die mit großem Abstand meisten Nachsuchen gelten Wild ohne Trophäen.
    Wenn das in Österreich anders ist, herrscht allerdings Handlungsbedarf.

    Zur Hobbyjagd: ich erlebe nicht wenige Jäger, die eine sehr „professionelle“ und „saubere“ Jagd in ihren Revieren pflegen aber keine Berufsjäger sind. Diese mit Hobbyjägern mit 5 Abschüssen im Jahr gleichzusetzen, wird dem Problem nicht gerecht. Nicht selten erlebe ich, daß diese Jäger gewissenhafter mit Kontrollen und Nachsuchen umgehen, als so mancher Berufsjäger.

    Zum Schluß: die Frage, ob der Mensch Tiere töten darf, um sie zu „nutzen“ darf natürlich gestellt werden.
    Wenn er es aber tut – und er tut es zur Nahrungsbeschaffung seit deutlich über 300.000 Jahren- ist die Jagd wohl ethisch deutlich vertretbarer als nahezu jede Art der Nutztierhaltung, bei der allein in Deutschland jährlich über 800.000.000 Tiere industriell getötet werden.

    • Johanna sagt:

      Lieber Carsten Busch!
      Vielen Dank für das Kommentar und die Einsicht in die Praxis in Deutschland! Es sollte hier keinesfalls der Eindruck entstehen, dass alle Hobbyjäger lediglich „recreational hunting“ betreiben. Prof. Dr. Winkelmayer vermittelte in unserem Interview eindeutig, dass es sehr engagierte Hobbyjäger gibt, welche die Professionalisierung der Jagd sehr ernst nehmen. Leider war es uns trotz des etwas länger geratenen Artikels nicht möglich, die gesamte Informationsfülle in diesem einen Blogbeitrag einzufangen und dem Thema damit gerecht zu werden. Hierfür möchte ich auf unseren Youtube Kanal verweisen, auf dem in Kürze das Video zum Interview in voller Länger zur Verfügung stehen wird.