Bio weiter denken…

Die Industrialisierung der Biobranche versorgt uns mit einer Unzahl an Eigenmarken, Gütesiegeln und hoch-idyllischen Landwirtschaftsszenen. Großkonzerne werben mit ihren Bio-Eigenmarken zu Spottpreisen – Bio boomt. Große Auswahl aber fehlende Regionalität und fragwürdige Haltungsbedingungen? Der Gründer von BioBär, einer österreichischen Plattform und eines Onlineshops mit Eigenmarke beantwortet uns einige Fragen zum Thema.

Wo BIO draufsteht ist … drin? (Foto: Unsplash, Jan Kopřiva)

Wo Bio draufsteht…

Glückliche Hühner, grunzende Schweine und hochzufriedene Kühe vor malerischer Alpenkulisse – wie kann einem bei solchen Bildern nicht das Herz aufgehen? Interessiert man sich jedoch für die Hintergründe wird schnell klar, so harmonisch geht es in Wirklichkeit nicht zu. Anstatt der vielgezeigten Bauernhofromantik stößt man eher auf Tierfabriken und endlose Monokulturen. Massenmarkt bleibt Massenmarkt, selbst wenn BIO davorsteht. Wenngleich betont werden muss, dass biologische Tierhaltung gegenüber konventioneller eine Verbesserung darstellt – nur meist bei weitem nicht so eine Verbesserung, wie sie sich die meisten VerbraucherInnen wohl vorstellen und wünschen würden.

Supermärkte unterbieten sich gegenseitig mit ihren  Angeboten – der Handel gibt vor, was er bereit ist zu bezahlen. Dabei wird aber nicht von „Bio-Preis = konventionell + 150%“ ausgegangen, sondern von max. +50%. Damit bleibt am Ende der sogenannten „Wertschöpfungskette“ kaum etwas für die ProduzentInnen übrig, denn auch 150% von fast Nichts sind immer noch fast Nichts (Markus Danner, BioAustria). Da darf man sich ruhig fragen: Welche Bedingungen stehen eigentlich hinter diesen günstigen Preisen? Können diese Produkte regional, von heimischen Bauern produziert worden sein? Das Wort „regional“ ist kein geschützter Begriff, jeder kann ihn interpretieren wie er möchte. Er suggeriert lediglich eine bestimmtes Gefühl von Nähe. Ob diese Nähe als Entfernung in Kilometer, politische Grenzen oder als Solidarität zu Land, Region oder BäuerInnen gemessen wird, liegt im Auge des Betrachters. Das macht die objektive Darstellung einer Region bzw. eines Produktes, das einer bestimmten Definition von „regional“ entsprechen soll sehr schwierig (BioAustria).

Gemüse

Biologisch, regional, saisonal: Damit das angeboten werden kann, sind auch KonsumentInnen gefordert (Foto: Unsplash, Chantal Garnier)

Der ambitionierte Weg des BioBären

Hinter dem Namen BioBär steht ein österreichischer Onlineshop, der kleine Erzeuger von regionalen, nachhaltigen Bioprodukten aus Österreich präsentiert, selbst Produkte herstellt und in einem offenen Informationsblog Wissen vermittelt. Das Team von BioBär arbeitet direkt mit Landwirten und Produzenten zusammen und will Tierschutz, Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Wertschöpfung gewährleisten.

Wir haben Geschäftsführer Andreas Lechner ein paar Fragen zu seinem ambitionierten Projekt gestellt:


Wie entstand die Idee „BioBär“?

Wie immer so eine Idee entsteht. Ich habe damals selbst gesucht und mir wurde klar, wie schwer es ist, biologische Produkte rein aus Österreich zu bekommen. Nachdem ich Unmengen an Zeit für jedes Produkt aufgewendet hatte, war mir klar, dass da mehrere suchen würden. Am Anfang war es eben die Suche und als wir dann draufgekommen sind, dass es teilweise die Qualität gar nicht zu kaufen gibt, haben wir die Produktion selbst in die Hand genommen.

Seit diesem Zeitpunkt gibt es auch unsere eigenen Bio-Wasch- und Reinigungsmittel, die wir selbst in Österreich produzieren. Einfache aber hochwirksame Rezepturen mit wenigen und für den Kunden transparenten Inhaltsstoffen. Vegan und ohne sekundäre Auswirkungen auf die Tierwelt!


Wie finden Sie neue Produzenten? Kommen LandwirtInnen und ErzeugerInnen auf Sie zu?

Meist ist es die Suche nach einem Produkt und dann suchen wir den Landwirt dazu. Nachdem wir hautsächlich Produkte präsentieren, die es in dieser Form noch nicht gibt, ist es immer eine Entwicklung. Manchmal gibt es das Produkt schon und es muss adaptiert werden. Es sind Produkte die uns heutzutage durch die Insustrialisierung schon „fehlen“,  die wir dann eventuell als isolierte Wirkstoffe in Kapselform ersetzen – sekundäre Pflanzenstoffe genauso wie essentielle Grundstoffe, die in den Pflanzen bereits vorhanden sind, jedoch nicht mehr genutzt werden. Als Beispiel lässt sich hier die die Verwendung von Weizenschrot anstatt reinem Weißmehl anführen. Mittlerweile kommen auch schon die Landwirte zu uns. Da wird aber meist das angeboten, was sie haben, und diese Produkte müssen wir dann adaptieren.


Um zu zeigen, was hinter Ihren Produkten steht, haben Sie ein eigenes Biobär Siegel  kreiert: Dieses durchläuft, laut Ihren Angaben, eine Kontrolle von fünf unabhängigen Prüfungsorganisationen – warum macht das Sinn und warum gerade diese fünf?

Es macht eigentlich gar keinen Sinn. Das BioBär-Siegel ist bei weitem strenger als alle Siegel, die es gibt. Dazu kommt noch, dass es mit Verstand an die Sache herangeht. Das ist leider bei den anderen nicht so. Wir haben uns nur allen Zertifizierungen unterworfen, um zu zeigen, dass eben unser Siegel locker durch jede Prüfung kommt, da es ja sogar strenger ist.
Wir scheuen auch nicht davor, uns kontrollieren zu lassen und oft kommt es zu einem Erfahrungsaustausch und wir wissen dann, wie wir es nicht machen wollen.


Der Markt ist übersät mit Gütesiegeln speziell auch für Bioprodukte – wie sollen sich die VerbrauchInnen Ihrer Meinung nach in diesem schillernden Medienchaos aus glücklichen Tieren, saftigen Wiesen und lachenden Kinderaugen zurechtfinden (Stichwort Greenwashing)?

Das ist genau das, was wir versuchen. Information, Information, Information.
Wo es geht, zeigen wir die Mängel auf und wir appellieren auch an den Menschenverstand, indem wir Beispiele bringen. Wenn man weiß, dass es für einen Kilo Käse zwölf Liter Milch braucht, kann man sich vorstellen, wie wertig dann ein Käseprodukt um € 6,95/Kilo brutto im Regal ist, wenn doch der Milchpreis bei angeblich € 0,45 netto liegt.


100% Tierschutz – Biobär legt auch großes Augenmerk auf das Zusammenleben mit den Tieren: Auf welche Probleme stößt man Ihrer Erfahrung nach, wenn man tiergerecht und ohne Tierversuche produzieren möchte?

Eigentlich auf gar keine. Das einzige Problem ist eventuell der Preis. Das Problem haben wir aber nicht, da wir unseren Kunden das erklären. Viel wichtiger ist, dass Kunden teilweise nicht wissen, dass tierliche Produkte verwendet werden. Wer assoziiert schon Kernseife mit Rinderfett und Gallseife mit Schweinegalle? Wir achten auch auf Inhaltsstoffe, die weiter vorne im Produktionsprozess angesiedelt sind – Produkte aus Ländern ohne oder mit sehr geringen Tierschutzstandars kaufen wir nicht ein. Wir schauen uns die weiter entfernten Verbindungen an – Lebensraumzerstörung durch Ressourcenausbeutung, Verwendung von tierischen Nebenprodukten – für uns gehört das alles zusammen.


Bio-Kosmetik ist Ihnen ein großes Anliegen – was macht Ihre Zertifizierung so besonders?

Eigentlich bietet hier die Austria Bio Garantie eine gute Kontrolle und wir kooperieren hier auch. Wichtig ist auch, Alternativen aufzuzeigen (Zahnpulver statt Paste) und unnötige Produkte aus dem Badezimmer zu verbannen.


Ökologische Versanddienstleistungen – wie funktioniert die Lieferung der Waren zu den KonsumentInnen? Wie schätzen Sie die negativen Auswirkungen der durch den Transport Ihrer Produkte entstehenden Emissionen ein?

Wir haben uns da viele Gedanke gemacht und sogar einen eigenen Artikel dazu verfasst.
Wir verfolgen die zwei besten Strategien. CO2-neutrale Lieferung und parallel dazu dezentrale kleine Geschäfte als Partner. Gift für die Ökologie sind die Supermärkte und der Großhandel.


Sie kommunizieren die Anliegen und Werte von BioBär auf eine sehr offene und direkte Art und Weise – wie reagieren die Menschen darauf?

Durchwegs sehr positiv und interessiert. Der Konsument hat Interesse an ehrlicher Information. Manche fühlen sich auch auf den Schlips getreten und manche wollen ihr eigenes Verhalten rechtfertigen. Da bekommen wir schon auch Angriffe zu spüren. Wir antworten aber jedem und schnell ist dann auch Ruhe, denn gegen die Wahrheit gibt es wenig zu argumentieren.

 

Was sind Ihre Wünsche/Ziele für die Zukunft?

Ziel ist es, weiter zu wachsen und auch die regionalen kleinen Shops zu stärken, denn jedes von uns verkaufte Produkt, ist ein anderes weniger und das hilft der Umwelt und den Tieren. Es gilt die Unwahrheiten, die da von den Ketten verzapft werden, aufzuzeigen, denn dann entscheiden sich die Konsumenten eh richtig.
Wir wünschen uns viele informierte Kunden und damit auch viele Kunden, die bei uns kaufen, um damit den Weg, den wir gehen, weiter zu ermöglichen. Konsumenten, die uns auf dem Weg zum Ziel ein Stück begleiten. Für eine bessere Umwelt und zur Schonung unserer Tierwelt und unseres Planeten.

 

 

Ein wunderbares Ziel – vielen Dank für das Gespräch, Herr Lechner! Weiterlesen zahlt sich auf jeden Fall aus…

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Ein Artikel von Johanna
veröffentlicht am 8.09.2020
Berufliche Tausendsassa mit Outdoorfieber. Bei Regen gerne mal am Sofa anzutreffen, solange Buch und Hunde mit dabei sind.