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Gütesiegel für Wolle ohne grausames Mulesing

Die meisten weltweit – auch in Europa – verkauften Wollprodukte haben eine grausige Entstehungsgeschichte. Für die Wolle in Mode und Heimtextilien sowie für Strickgarne und Webstoffe, werden Merinoschafe beim sogenannten Mulesing ohne Narkose verstümmelt. In den vergangenen Jahren ist diese qualvolle Praxis immer bekannter geworden und immer mehr KonsumentInnen legen Wert auf mulesing-freie Wolle. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Erstens der Verzicht auf tierische Wolle und die Wahl pflanzlicher Alternativen wie Bio-Baumwolle oder Kapok. Zweitens der Kauf von Wollprodukten, die ein Zertifikat tragen, das Mulesing verbietet. Wir stellen diese Gütesiegel vor.
Lamm

Mulesing: Auf Qualzucht folgt Verstümmelung (Foto: Pexel, Pixabay)

Im Ethik.Guide, dem Einkaufsführer für fairen und nachhaltigen Konsum, findest du in der Kategorie Mode Hersteller von garantiert mulesingfreier Wollkleidung. In der Kategorie Heimtextilien und Möbel wiederum sind Anbieter mulesingfreier Strickgarne oder Vegetarierwolle gelistet, ebenso wie Hersteller und Händler von Heimtextilien, die nicht mit australischer Wolle gefertigt wurden.

Mulesing?

Rund 50% der weltweit verkauften und verarbeiteten Merinowolle stammt aus Australien, wo der Großteil der Wollschafe dem Mulesing unterzogen wird. Dabei wird den Merinolämmern eine tellergroßes Stück Fleisch sowie ihr Schwanz aus dem Hinterteil herausgeschnitten – mit gartenscherenähnliche Geräten und ohne Narkose. Diese seit rund hundert Jahren praktizierte Methode soll verhindert werden, dass sich parasitäre Fliegenlarven in den Hautfalten am Gesäß einnisten, die sich von der Wolle und später auch vom Fleisch der Schafe ernähren. Wie man sich vorstellen kann ist solch ein Befall äußerst schmerzhaft und oftmals tödlich. Darüber hinaus werden die Tiere regelmäßigen Pestizidbädern unterzogen.

Ursache für die großen Hautfalten ist eine Überzüchtung der Merinoschafe – auf der so vergrößerten Hautoberfläche wird mehr Wolle gewonnen. Die ursprünglich in Australien nicht heimischen Schafe sind damit aber einem Fliegenbefall ausgesetzt, dem der Mensch aus Profitgründen mit dem Mulesing beizukommen versucht. Allerdings sterben auch etliche Schafe an den Folgen dieses Eingriffs. In der kontrolliert biologischen Tierhaltung in Australien bemüht man sich mehrheitlich um Alternativen zum Mulesing. Ausgeschlossen ist das Mulesing aber auch bei Bio-Wolle nicht. Die beste Methode, um den Schafen die Qualen des Mulesings sowie eines Fliegenbefalls zu vermeiden, ist eine Rückzüchtung der unnatürlichen Hautfalten.

Wolle: selten tierfreundlich, selten nachhaltig (Foto: libreshot.com, CC0)

GOTS (Global Organic Traceability Standard)

Lange ist man davon ausgegangen, dass bei Bio-Wolle, etwa mit dem GOTS-Gütesiegel zertifiziert, Mulesing verboten ist. Wie sich allerdings gezeigt hat, lässt der australische Bio-Standard das Mulesing in „bestimmten Fällen“ sehrwohl zu:

„Restricted, with pain relief, to cases where verifiable animal welfare concerns exist and shall not occur in the absence of preventative management, including permitted substance use and strategic crutching.“

Beim Mulesing gibt es laut Standard keine Alterseinschränkung. Weiters erlaubt sind bis zu 10. Lebenswoche die narkoselose Kastration sowie bis zum Alter von sechs Monaten die Enthornung. Die angesprochene Schmerzlinderung ist ähnlich zu bewerten, wie jene bei der narkoselosen Kastration der Ferkel in Europa: Ein Schmerzmittel reduziert den Akutschmerz während eines Eingriffs nicht!

Auch der Konsumentenschutz der AK Oberösterreich und Vier Pfoten kritisieren diesen Widerspruch:

„Im Zuge der Recherchen wurde deutlich, dass der internationale Bio-Standard GOTS (Global Organic Traceability Standard) leider nicht hält, was er verspricht. […] Denn der von GOTS akzeptierte Bio-Standard aus Australien lässt Mulesing zu. Das ist natürlich ein grober Widerspruch zum Anspruch, den Bio eigentlich den Konsumenten suggeriert.“

Der GOTS-Standard basiert auf der IFOAM Family of Standards zu der auch der australische Bio-Standard (AOC: Australian Certified Organic) gehört, der wie gesagt, Mulesing nicht ausschließt.

Zwar wurde beim IFOAM und in der neuesten Version der GOTS-Standards 6.0 vom März 2020 festgeschrieben, dass alle zertifizierten Wollprodukte mulesingfrei sein sollen. Allerdings gibt es hier eine beachtliche Lücke, da die Kontrolle fehlt: Es wird nämlich lediglich eine Selbsterklärung der Produzenten verlangt. Auf unsere Nachfrage hin wurde erklärt, dass es einen laufenden Austausch mit Vier Pfoten dazu gebe und aktuell geprüft werde, ob es weitere Maßnahmen zum kompletten Ausschluss von Mulesing geben soll.  Weiters hat GOTS dem Ethik.Guide gegenüber erklärt, dass es zurzeit keine AOC-zertifizierte Wolle in GOTS-Lieferketten gebe.

Gütesiegel die Mulesing in der Wollproduktion verbieten

Alternativ zum GOTS-Standard, der Mulesing noch nicht ausschließen kann, stellen wir nun vier Gütesiegel mit striktem Mulesing-Verbot vor – Rückverfolgbarkeit und regelmäßige Kontrollen eingeschlossen:

Responsible Wool Standard (RWS)

Dabei handelt es sich in erster Linie um ein Tierwohl-Siegel. Qualvolle Praktiken wie Mulesing und Brandmarkierung sind verboten. Allerdings dürfen Lämmer ohne Schmerzlinderung kupiert und kastriert werden, wenn keine geeigneten Schmerzmittel vorhanden sind. Die Schafe müssen immer Zugang zu ausreichend Wasser, Futter und Schatten haben. Die ökologischen Anforderungen des Siegels sind weniger anspruchsvoll als die niedrigsten Bio-Standards der EU-Richtlinie. Die sozialen Mindeststandards sind ebenfalls gering gehalten. Für deinen Einkauf empfehlen wir deshalb, darauf zu achten, dass das Wollprodukt deiner Wahl am besten RWS- und GOTS-zertifiziert ist. Übrigens wurde von der Vergabestelle TextileExchange auch ein Standard für Mohair erarbeitet.

NewMerino

Das Gütesiegel zertifiziert Merinowolle aus Australien. Mulesing ist zwar verboten, es wird allerding nur empfohlen, Lämmer nicht ohne Narkose zu kupieren und zu kastrieren. Wie beim RWS muss es immer Zugang zu genügend Wasser, Futter und Schatten geben. Weiters gibt es ökologische Vorschriften wie etwa das Verbot von Degradation der Landschaft durch Überweidung. Soziale Anforderungen sind minimal. Auch hier empfehlen wir, darauf zu achten, dass das Wollprodukt deiner Wahl zwei Gütesiegel trägt, etwa NewMerino und GOTS.

ZQ Merino

Ein Großteil der Wolle, die mit diesem Siegel zertifiziert ist, wird in Neuseeland produziert, wo Mulesing grundsätzlich verboten ist. Aber auch Wolle, die nicht aus Neuseeland kommt, ist mulesingfrei und bis zur Farm zurück verfolgbar. Wie bei den beiden oben genannten Gütesiegeln gibt es nur minimale ökologische und soziale Standards. Ob die Tiere ohne Narkose kupiert und kastriert werden dürfen, ist unklar. ZQ Merino hat auf unsere diesbezügliche Anfrage nicht reagiert. Ein Pluspunkt ist jedoch, dass die Schafe im Freiland gehalten werden müssen und internationale Lebendtransporte verboten sind. Auch hier empfehlen wir die Kombination dieses Gütesiegels mit dem GOTS- oder einem anderen Bio- und Fairtrade-Siegel.

Naturtextil IVN zertifiziert BEST

Dieses Gütesiegel gilt als das strengste Öko-Label der Textilbranche. Mit diesem Siegel zertifizierte Naturtextilien unterliegen entlang der gesamten Produktionskette weitreichenden Anforderungen. Baumwolle und Tierfasern müssen aus kontrolliert biologischer Landwirtschaft stammen. Kleidungsstücke müssen bis auf wenige Ausnahmen (elastische Teile, Reißverschlüsse, …) komplett aus Naturmaterialien hergestellt werden. Wolle darf nur von Betrieben stammen, die nachweislich kein Mulesing durchführen. Alle anderen Tierwohlkriterien sind vom jeweiligen Bio-Standard des Produktionslandes abhängig.

Zusammenfassend

Wenn du Wolle kaufen willst, dann gilt grundsätzlich: keine Wolle aus Australien. Oftmals ist jedoch das Herkunftsland unbekannt. Um Mulesing zu vermeiden, achte also am besten auf eines der vier genannten Gütesiegel. Alternativ ist auch Bio-Wolle, die nicht aus Australien stammt, mulesingfrei. Aber wie gesagt, Wolle ist auch durch einige pflanzliche Materialien leicht zu ersetzen.

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Ein Artikel von Barbara
veröffentlicht am 12.01.2021