Qualzucht bei Hunden: Auswirkung auf Gesundheit und Wohlbefinden

Im Teil 2 der Serie Qualzucht bei Hunden geht unsere Hundeexpertin Ursula Aigner auf die Auswirkungen der hochgezüchteten Exremmerkmale ein. Hunde mit solchen Merkmalen sind sehr hilfsbedürftig und benötigen unter Umständen ein Leben lang besondere Pflege. Das zehrt nicht nur an den Nerven sondern kann auch massiv die Geldbörse belasten, wenn hohe Tierarztkosten hinzukommen. Damit rechnen viele Menschen nicht. Und leiden tut … schließlich der Hund.
Qualszucht Merkmale der Englischen Bulldogge: eingedrückte Nase, schmale Hüfte, exzessive Falten

Durch den breiten Schultergürtel und die vergleichsweise schmale Hüfte der Englischen Bulldogge kommt es oft zu Schwergeburten. Teilweise ist es sogar notwendig einen Kaiserschnitt durchzuführen. (Foto: Unsplash, Sebastien Lavalaye)

Ein Grundproblem der Auswirkungen von Extremmerkmalen liegt aber nicht nur an Schmerzen, Leiden, Schäden oder der Angst an sich, sondern auch in „verpassten Chancen und Möglichkeiten auf ein gutes Leben“, das nur mit professioneller veterinärmedizinische Hilfe oder besondere Pflege irgendwie ermöglicht werden kann. Der Verlust oder die Verunmöglichung des (guten) Lebens ist der größtmögliche Generalschaden!

Nachdem wir im 1. Teil der zweiteiligen Serie uns genau mit den rechtlichen Hintergründen befasst haben, geht es im 2. Teil um die konkreten Auswirkungen der Zucht auf Extremmerkmale auf die individuell betroffenen Hunde.

Extrem kleiner Körper

Chihuahua, Yorkshire Terrier

Die Zucht auf Hunde, die teilweise weniger als 1kg wiegen, wirkt sich auf mehrere Bereiche aus. Während der Entwicklung der Tiere kann es vorkommen, dass sich Fontanellen, also Schädelknochenlücken, nicht vollständig oder nur verzögert verschließen. Die Schädeldecke ist generell sehr dünn, was eine große Unfallgefahr darstellt: Ein Schubser an der falschen Stelle kann schwerwiegende Folgeschäden bewirken. Die Auswahl der PaarungspartnerInnen auf extremes Kindchenschema bewirkt einen unnatürlich runden Kopf in Kombination mit einer meist sehr kleinen und kurzen Nase. Dabei verkleinern sich hauptsächlich die knöchernen Anteile, die Weichteile bleiben zu groß. Dies bewirkt, dass Gaumensegel, Zunge und innere Strukturen in der Nase gequetscht und gestaucht werden, bei der Atmung behindern und ihre Funktion somit nicht mehr ausreichend erfüllen können. Viele Zwergrassen haben außerdem Probleme mit der Kniescheibe – Patellaluxation ist die Folge mit dem typischen auf drei Beine hopsenden Gangbild. Je nach Schweregrad ist eine Operation mit weiterführender Physiotherapie nötig, um die Schmerzen zu lindern. Die Zucht auf einen derart kleinen Körperbau kann aber auch zur Folge haben, dass es zu Schwergeburten bis hin zum Kaiserschnitt kommt, möchte man das Leben der Mutter und ihrer Kinder retten.

Extrem kurze Nasen (Brachycephalie)

Mops, Französische Bulldogge

Einhergehend mit einer extrem rund gezüchteten Kopfform weisen sogenannte brachycephale Rassen eine extrem verkürzte oder im Grunde kaum mehr vorhandene Nase auf. Dadurch entsprechen diese Hunde sehr dem Kindchenschema und Menschen finden das Gesicht süß und niedlich. Doch die Tiere leiden, und zwar jeden Tag unter Atemnot: die inneren Strukturen der Nase, die Schleimhäute sowie Zunge werden zusammengedrückt. Das raubt die Luft zum Atmen. Auch die Kopfhaut wird zusammengefaltet, damit einhergehend sind Entzündungen in den Falten, die (schmerzhaften) Juckreiz bewirken. Das röchelnde bis schnarchende Atemgeräusch wird häufig belächelt, doch für die Tiere bedeutet das vor allem bei hohen Temperaturen eine sehr eingeschränkte Möglichkeit, die Körpertemperatur zu kühlen. Denn das machen Hunde zu einem Großteil über Hecheln. Wenn die Kurznasen sich dann flach auf den Boden legen, ist dies ein weiterer verzweifelter Versuch, sich abzukühlen. Doch damit nicht genug: durch die Stauchung der Nase werden die Augen nach außen gedrückt, der mangelhafte Lidschluss bewirkt Augenentzündungen. Und es ist möglich, dass die Augen aus der Augenhöhle „fallen“: Bulbusprolaps sagen Veterinäre dazu. Die Stummelrute der Bulldogge kann zudem einhergehen mit Wirbelsäulendeformationen, die zu Lähmungen führen können und/oder einer Operation bedürfen. Eine Quälerei von Anfang bis Ende des Lebens also.

Retro Mops: Qualzucht rückgängig gemacht

Der Retro Mops ist eine Rückzüchtung des Mops wie er in den 50er Jahren aussah. Die längere Nase, der weniger rundliche Kopf und längere Beine machen ihn zu einem wesentlich gesünderen und sportlicheren Hund. (Foto: Pixabay, Tanisha Eileen)

Extrem großer Körper

Deutsche Dogge, Irish Wolfhound

Hunde so groß wie Ponys, das ist imposant und hat Wirkung. Die stattliche Statur hat aber einige Nebenwirkungen: durch das Riesenwachstum werden Knochen und Sehnen übermäßig belastet, Fehlstellungen oder andere genetisch bedingte schmerzhafte Erkrankungen der Gelenke sind häufig, es besteht eine Neigung zu Knochentumoren – einhergehend mit starken Schmerzen und großem Leiden. Viel Haut im Gesicht bewirkt, dass der Lidschluss nicht mehr vollständig gegeben ist und die Tiere unter Augenentzündungen leiden. Zudem, und das ist fast das Traurigste, ist die Lebenserwartung der Riesen deutlich geringer als die von kleineren Artgenossen. So manche Dogge ist mit 8 Jahren bereits kurz vor dem Tod, während andere Hunde im selben Alter ihre beste Zeit verbringen.

Extreme Körperformen oder Körperanhänge

Dackel, Welsh Corgi Cardigan

Die extreme Kurzbeinigkeit fordert ihren Tribut. War dies ursprünglich noch ein moderat ausgeprägtes Merkmal, das den Hund zum erfolgreichen Baujäger verholfen hat, so führt dies in der Extremform zu deformierten und verdrehten Knochen, damit einhergehend massiven Gelenkfehlstellungen der Vorderbeine, die zu Verschleißerscheinungen und schmerzhaften Arthrosen führen. Aber dem noch nicht genug, Bandscheibenprobleme haben wegen ihrer rassebedingten Häufigkeit einen eigenen Namen erhalten: Dackellähme. Übrigens mitunter auch einhergehend mit Ausfällen von Organen, je nach Lokalisation. Alle die schon einmal einen Bandscheibenvorfall hatten, kennen die Stärke der Schmerzen die die Tiere erleiden. Die Therapiemöglichkeiten hängen vom Schweregrad ab und reichen von Schmerzmitteln, über Physiotherapie bis hin zur Operation, die alles andere als ein Kinderspiel ist.

Qualzucht: extrem kurze Beine beim Corgi

Die Züchtung hin zu extrem kurzen Beinen beim Corgi führt zu deformierten und verdrehten Knochen. Die daraus resultierenden massiven Gelenkfehlstellungen sind ausgesprochen schmerzhaft. (Foto: Pexels, Brett Sayles)

Basset

Neben der Kurzbeinigkeit und ihrer Probleme fällt beim Basset noch ein weiteres extremes Merkmal auf: Hunde mit extrem langen Ohren leiden oft an Entzündungen des Gehörgangs, die Ohren müssen ständig innen und außen gereinigt werden.

Englische Bulldogge

Neben der massiven Atemnot und den Problemen einhergehend mit Wirbelsäulendeformationen sind Englische Bulldoggen auch besonders davon betroffen, dass ihr Körperbau eine natürliche Geburt nahezu unmöglich macht: der breite Schultergürtel und die vergleichsweise schmale Hüfte bedingen Schwergeburten oder gar Kaiserschnitte.

Pekinese, Pomeranian (Zwergspitz)

Hunde mit extrem langen oder dichten Fell benötigen viel Pflege um Verfilzungen vorzubeugen. Diese führen nämlich zu Luftabschluss und damit einhergehenden schmerzhaften Hautentzündungen. Manche Hunde haben so lange Haare, die wegen der kurzen Beine am Boden schleifen. Dies schränkt auch den Bewegungsablauf ein.

Qualzucht: enorme Fellmengen können bei mangelhafter Pflege Hautentzündungen verursachen

Das extrem lange und dichte Fell des Pomeranian kann verfilzen und durch den Luftabschluss schmerzhafte Hautentzündungen verursachen. (Foto: Pixabay, BLACK17BG)

Unphysiologische Stellung von Gelenken bzw. Gliedmaßen

Deutscher Schäferhund

Die extreme Winkelung der Hinterbeine geht einher mit einer Fehlbelastung der Gelenke. Die stark abfallende Rückenlinie verstärkt diesen Effekt zusätzlich, ein abnormes Bewegungsmuster ist die Folge. Abnutzungserscheinungen, Arthrosen, Gelenkfehlstellungen, all das führt zu schmerzhaften Veränderungen, unter denen die Hunde sehr leiden. Und das bereits als Junghunde.

Chow Chow

Der stolzierende Gang des Chow Chow wirkt königlich, und doch resultiert er aus einer Gelenkfehlstellung, einem extrem wenig gewinkelten Hinterbein. Dies wiederum führt dazu, dass die Wahrscheinlichkeit von Patellaluxationen bzw. Kreuzbandrissen massiv erhöht wird. Alles in allem ein schmerzhaftes und leidvolles Unterfangen, das man seinem Hund ersparen möchte.

Qualzucht Fehlstellung der Hinterbeine beim Chow Chow

Der Chow Chow hat durch die übermäßig durchgestreckten Hinterbeine ein erhöhtes Risiko einen extrem schmerzhaften Kreuzbandriss zu erleiden. (Foto: Pixabay, siamka)

Zuviel Haut, einhergehend mit Faltenbildung

Shar Pei, Bordeaux-Dogge

Starke Faltenbildung im Gesicht und/oder auch am Körper bewirkt durch den Luftabschluss massive Entzündungen, die mit starkem Juckreiz und Schmerzen einhergehen. Die Übertypisierung der Faltenbildung führt auch zu mangelhaftem Lidschluss, was zu Augenentzündungen führt und stellt somit ohne Frage eine dauerhafte und massive Einschränkung der Lebensqualität dar.

Sonderfarben und/oder viel Weiß

Dalmatiner, Dogo Argentino

Die sogenannte sensorineurale Taubheit bei weißen oder weiß gescheckten Hunden bedeutet einen meist genetisch bedingten Hörverlust. Dies ist bei Welpen für Laien gar nicht so einfach festzustellen, Sicherheit bietet ein audiometrischer Test beim spezialisierten Tierarzt. Bei engagierten Menschen können natürlich auch taube Hunde ein gutes Leben führen. Der Anspruch an die HalterInnen ist jedoch hoch, um den besonderen Bedürfnissen tauber Hunde entsprechen zu können.

Qualzucht: Taubheit bei weißer Fellfärbung wie beim Dalmatiner

Dalmatiner und andere weiß gezüchtete Rassen sind von erblich bedingter Taubheit betroffen. (Foto: Pixabay, Freepics4you)

Australian Shepherd

Besonders sehen sie aus, die Merle-Farben. Jedoch kommt es durch den Merle-Faktor, durch den die Grundfarbe gesprenkelt erscheint, bei der Verpaarung zweier Merle-Tiere zu tauben Nachkommen. Fehlbildungen bei Reinerbigkeit können auch zu Blindheit bzw. Deformationen der Augen führen. Ein Grund, die Zucht auf diese Sonderfarben zu unterlassen.

Blue-Line-Staffordshire

Die blaugraue Farbaufhellung kann zur sogenannten Color-Dilution-Alopezie führen. Hier kommt es bei den betroffenen Hunden Haarausfall, der zu sehr empfindlicher Haut bis schweren Hautentzündungen führen kann. Bekannt wurde dies auch als „Blue-Dog-Syndrom“ oder „Blauer Dobermann-Syndrom“. Die betroffenen Hunde leiden unter juckenden Pusteln und schmerzhaften Entzündungen, die (immer wieder) veterinärmedizinischer Behandlung bedürfen.

Haarlosigkeit

Nackthunde, Schopfhunde

Haarlosigkeit führt primär zu einer eingeschränkten Wärmespeicherung. Vor allem bei wenig pigmentierten Tieren besteht zudem eine Neigung zu Sonnenbrand und anderen Hauterkrankungen. Die Tiere haben auch ein unvollständiges Gebiss, bzw. Zahnanomalien. Die Besonderheit der Zucht besteht darin, dass nur ein Teil der Rassehunde nackt ist, die Geschwister haben mehr oder minder viel Fell. Als Eltern müssen immer Behaarte mit Nicht-behaarten verpaart werden, bei der Verpaarung zweier Nackthunde verpaart verstirbt ein Viertel der Welpen noch im Mutterleib.
Einen anderen Erbgang weist der American-Hairless-Terrier auf, sie verlieren ihren Fellflaum im Laufe der ersten Lebenswochen. Ihnen fehlen schließlich auch Tasthaare.

Qualzucht: Nackthunde

Die Nackthunderasse Chinese Crested oder Chinesischer Schopfhund kämpft mit Problemen wie: Neigung zu Sonnenbrand, schlechte Wärmespeicherung, Anfälligkeit für Hauterkrankungen und ein unvollständiges Gebiss. (Foto: Pixabay, Distelfink)

Hunde mit einem Ridge, einem umgekehrten Haarkamm am Rücken

Rhodesian Ridgeback, Thai Ridgeback

Der interessante umgekehrte Aalstrich am Rücken fällt bei den kurzhaarigen Hunden sofort auf. Wenigen ist bekannt, dass der Ridge mit einem offenen Hautkanal bis ins Rückenmark einhergehen kann. Dies kann zu gefährlichen Infektionen führen, je nach Ausprägung, wenn nicht operiert wird. Auch kommen immer wieder mal Nachkommen ohne Ridge vor – und wurden ehemals nach der Geburt getötet, da sie dem Zuchtstandard nicht entsprachen.

 

Das ist wie auch in Teil 1 erwähnt eine unvollständige Auflistung. Was aber noch fehlt neben den gesundheitlichen Auswirkungen, sind die Auswirkungen auf das Verhalten der Hunde.

Chronischer Juckreiz, ständige Entzündungen, massive Schmerzen, Hör- oder Sehverlust, Atemnot, … all das führt zu einer hohen Stressbelastung für die Hunde. Stresshormone wie Cortisol bewirken ihrerseits einerseits eine Schwächung des Immunsystems und der Organfunktionen, ein Teufelskreis beginnt. Andererseits bewirkt dieser ständige Stress je nach Art der Einschränkung Verhaltensauffälligkeiten bis -Störungen. Stress- und schmerzbedingte Angstproblematiken oder Aggressionen sind keine Seltenheit, mit der ich in der Arbeit als HundetrainerIn konfrontiert bin. Inzwischen wird vielerorts von Hunden stets perfekt angepasstes, unauffälliges und „braves“ Verhalten verlangt. Es herrschen Zeiten von ohnehin einschränkenden Hundehaltungsgesetzen und Regelungen, die einem guten Hundeleben nicht immer zuträglich sind. Von der gesellschaftlichen und sozialen Belastung für die HalterInnen gar nicht zu sprechen. Alles in allem spricht alles dafür, von der Qualzucht auf Extremmerkmale und hochstilisierte Rassetypisierungen abzusehen und die Gesundheit in den Mittelpunkt zu stellen. Für die Hunde und nicht zuletzt auch für die Menschen.

Ursula Aigner ist Zoologin, allgemein beeidete und gerichtlich zertifizierte Sachverständige für Hunde und Katzen, tierschutzqualifizierte Hundetrainerin, Ausbildung und Prüfung Hundeführschein Wien, Ausbildung und Prüfung NÖ-Sachkundenachweis.

Ursula Aigner ist als selbstständige Hundetrainerin vor allem mit unerwünschtem Verhalten von Hunden konfrontiert, sei es Aggressionsverhalten oder auch Jagdverhalten. In ihrer Arbeit ist ihr ein gewaltfreier und respektvoller Umgang mit Mensch und Hund wichtig, um langfristig positive Veränderungen zu erreichen – und vor allem zum gegenseitigen Verständnis zwischen Mensch und Hund beizutragen. Vor allem Umgang und Training von Langzeitsitzern oder gefährlichen Hunden (in Tierheimen) sind ihr ein Anliegen. Als Biologin ist sie zudem im Bereich Tierschutz für das Bundesministerium für Gesundheit tätig. Ursula Aigner ist aktives Mitglied verschiedener Netzwerke im Bereich Hundetraining und Tierschutz und ist immer offen für neue Herangehensweisen oder Lösungsmöglichkeiten. Daher sind Fortbildungen für sie selbstverständlich, um das Beste erreichen zu können – für Mensch und Tier.

www.canis-sapiens.at

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Ein Artikel von Ursula Aigner
veröffentlicht am 14.10.2020