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Weshalb Biene nicht gleich Biene ist

Roland Steinmann, Pixabay
Dass Bienen unverzichtbar für die Bestäubung unserer Grundnahrungsmittel sind, ist mittlerweile hinreichend bekannt. Bereits Einstein soll gesagt haben: „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“ Dabei gibt es nicht nur eine Bienenart. Wenn vom „Bienensterben“ gesprochen wird, sind vor allem die unzähligen Wildbienenarten gemeint und nicht sie domestizierte Honigbiene. Warum diese Unterscheidung essenziell ist, liest du in diesem Artikel.
Wildbiene schaut aus einem Pflanzenstängel heraus

Ein Pflanzenstängel als natürliche Behausung unterschiedlicher Wildbienenarten. (Foto: Pixabay, Roland Steinmann)

Unterschiede zwischen Honig- und Wildbienen

Wenn von Bienen die Rede ist, denkt man in der Regel an Honigbienen. Dabei gibt es nach aktuellem Wissen allein in Österreich rund 700 verschiedene Wildbienenarten.

Honigbienen sind vom Menschen gezüchtete „Nutztiere“. Dementsprechend sind Honigbienen wie viele andere Nutztiere weder vom Aussterben bedroht noch mit Wildtieren vergleichbar. Derzeit leben in Deutschland beispielsweise rund eine Million Honigbienenvölker. Jedes dieser Völker umfassen, abhängig von der Jahreszeit bis zu 40.000 Bienen. Die Honigbiene lebt ausschließlich in Bienenstöcken.

Wildbienen hingegen leben allein und als Einsiedler in verschiedenen Nistplätzen wie morsches Holz und Pflanzenstängel. Fast die Hälfte der Wildbienenarten sucht jedoch prinzipiell einen Nistplatz unter der Erde. Sie stellen anders als Honigbienen auch keinen Honig für den Winter her, sondern verbrauchen den Nektar der Blüten direkt. Aber der wohl wesentlichste Unterschied zwischen Wild- und Honigbienen ist, dass fast die Hälfte der diversen Wildbienenarten tatsächlich vom Aussterben bedroht sind. Dazu später mehr.

Doch wie erkennt ihr jetzt, welche Bienenart im hauseigenen Garten besonders aktiv ist? Generell variieren Wildbienenarten aufgrund ihrer Vielfalt sehr stark größentechnisch – artenabhängig von vier bis zu 30 Millimetern. Honigbienen hingegen sind meist zwischen elf und 13 Millimeter groß. Sie haben auffallende Sammelkörbchen mit Pollen an den Hinterbeinen, wohingegen Wildbienenarten in der Regel dichter behaart sind. Nur die Augenpartie ist bei Wildbienen anders als bei Honigbienen für gewöhnlich unbehaart. Das ist mit freiem Auge jedoch kaum zu erkennen.

Kreisverkehr - viel Bodenversiegelung und dadurch Lebensraumverlust für Wildbienen

Österreich ist mittlerweile als Europameister im Bodenversiegeln bekannt. Der heimische Bauwahn gefährdet dabei durch die Zerstörung von Lebensräumen zahlreiche Wildtierarten – darunter auch Wildbienen (Foto: Unsplash, Chris King)

Bedrohungen für Wildbienen

Bedrohungen für Wildbienen gehen vorwiegend vom Menschen aus. Allen voran die industrielle Landwirtschaft und der damit verbundene Einsatz von Pestiziden schaden den bedrohten Bienenarten. Aber auch der Trend zur Imkerei – wenn auch gut gemeint – stellt potenziell eine Bedrohung für Wildbienenarten dar. Die Umgestaltung von Landschaftsflächen für die Bienenzucht schränkt häufig den Lebensraum für Wildbienen ein. Zudem können Honigbienen die Nahrungsmittelversorgung ihrer wilden Artgenossen gefährden. Wildbienen sind häufig oligolektische Bienen, sprich sie ernähren sich ausschließlich von Pollen weniger, nah verwandter Pflanzen. Honigbienen hingegen sind polylektische Bienen und können sich von dem Nektar unterschiedlichster Pflanzenarten ernähren. Die Nahrungsauswahl für Wildbienen ist dementsprechend deutlich beschränkter. In manchen Gebieten verschwinden aufgrund des Klimawandels ganze Pflanzengattungen beziehungsweise Grundnahrungsmittel vieler Wildbienenarten. Im Kampf um die verbliebenen Pollen sind Honigbienen zahlenmäßig und in Sachen Flugreichweite deutlich überlegen.

Da Honigbienen und Wildbienen häufig dieselben Blüten anfliegen, kommt es zu Krankheitsübertragungen. Wie bei anderen „Nutztieren“ auch, hat die intensive Nutzung von Honigbienen negative Auswirkungen auf deren Gesundheit. Krankheitserreger befallen immer wieder ganze Bienenvölker. Wie beispielsweise das importierte Flügeldeformationsvirus aus Japan. Wildbienen sind diesen unbekannten Krankheitserregern besonders schutzlos ausgeliefert. Der Bestand von Wildbienen sowie die Biodiversität generell wird zudem durch die Einführung von invasiven Pflanzen gefährdet. Die als „Bienenfutter“ bekannte Pflanze Robinie (Robinia pseudoacacia) ist beispielsweise für Honigbienen nützlich, aber nicht für Wildbienen. Sie verdrängt durch die Anreicherung von nährstoffarmen Böden mit Stickstoff bestimmte Rassenarten und schadet in weiterer Folge der biologischen Vielfalt.

Drei übereinandergesapelte Paletten gefüllt mit angebohrten Holzscheiten und anderen Materialien als Nistmöglichkeit für Wildbienen.

Ein selbst gebautes Insektenhotel begünstigt die Artenvielfalt im eigenen Garten und ist eine wirksame Maßnahme gegen das „Bienensterben“ – oder noch besser – lasse alte abgestorbene Stängel und Stauden stehen (Foto: Unsplash, Mika Baumeister)

Wie du Wildbienen tatsächlich helfen kannst

Mit relativ simplen Mitteln kannst auch du die Wildbienenpopulationen ganz einfach unterstützen:

  • Auf Pestizide verzichten
  • Anbau geeigneter Pflanzen, allen voran einheimische Pflanzen – Anbieter findest du im Ethik.Guide
  • Verwendung regionaler Saatgutmischungen
  • Nistplätze anbieten – Totholz, Fels- und Steinstrukturen sowie sandig-lehmige Erdflächen
  • Abgestorbene Stängel und Stauden stehen lassen – ebenfalls als Nistplatz
  • Nistplätze selbst bauen – sogenannte „Insektenhotels“

Weitere Tipps für ein wildbienenfreundliches Gartenparadies findest du unter anderem bei der Deutschen Wildtier Stiftung oder in aufgelockerter Form beim pflanzenfreundlichen Influencer Robinga Schnögelrögel.

Individuell kannst du also bereits sehr viel zum Schutz der ökologisch so wertvollen Wildbienen beitragen. Trotzdem ist klar, dass gerade die industrielle Landwirtschaft und die zunehmende Anzahl an Imker*innen die Hauptverantwortung im Kampf gegen das „Bienensterben“ tragen. Auch hier ist der Verzicht auf Pestizide essenziell, im Optimalfall samt einem Umstieg auf biologische Landwirtschaft. Auf den Import invasiver Pflanzen sollte ebenfalls verzichtet werden. Viele Expert*innen fordern zudem „Pufferzonen“ zwischen Naturschutzgebieten für wildlebende Bienen und Bienenstöcken. Landwirtschaftliche Flächen, Stadtparks und Gärten sollen ebenfalls Wildbienen einen Lebensraum bieten.

Fazit

Schlussendlich gilt, die Honigbiene spielt eine wesentliche Rolle für die Bestäubung unserer Grundnahrungsmittel. Nichtsdestotrotz kann sie potenziell schädliche Auswirkungen für ihre natürliche Umwelt, allen voran für ihre wild lebenden Artgenossen haben. Dabei sind Wildbienen in der Regel die deutlich effektiveren Bestäuber. Eine Studie in Großbritannien fand heraus, dass Honigbienen dort selbst unter besonders förderlichen Bedingungen nur für rund ein Drittel aller Bestäubungsleistungen verantwortlich sind. Für manche Obstsorten sind Honigbienen einfach zu klein. Für die Bestäubung von Tomaten beispielsweise braucht es die kräftigen Flugmuskeln der Hummel, um den Pollen umfassend auszuschütten. In diesem Sinne ist Bienenschutz ein ehrenhaftes Vorhaben, aber „Biene“ ist nicht gleich „Biene“. Deshalb ein Appell an dieser Stelle, den eigenen Garten besonders wildbienenfreundlich zu gestalten. Denn am Ende profitierst auch du von einem strahlenden, bunten und summenden Garten.

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Ein Artikel von Benedikt Schweigl
veröffentlicht am 30.04.2024
Als Student der Politikwissenschaft beschäftige ich mich mit Machtverhältnissen in den unterschiedlichsten Konstellationen. Ein besonderes Interesse habe ich dabei an unterschiedlichen Ansätzen, die ungleiche Machtverhältnisse herausfordern, wie fairer Handel oder Anti-Speziesismus.
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