Moderne Sklaverei in der Lebensmittel- und Rohstoffproduktion

Zwangsarbeit und sklaverei-ähnliche Zustände sind in der Rohstoffproduktion nach wie vor weltweit traurige Realität. Menschen werden ausgebeutet, damit Lebensmittel in den reichen Ländern des Nordens mit einer möglichst großen Gewinnspanne angeboten werden können. Wie können wir als KonsumentInnen in Europa vermeiden, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen durch unser Konsumverhalten zu unterstützen?

Beim Rohstoffabbau, insbesondere beim Abbau von seltenen Erden für die Elektroindustrie kommt es oft zu Zwangsarbeit (Foto: Unsplash, Hasin Hayder)

Was ist moderne Sklaverei?

Sklaverei und Menschenhandel, das klingt nach gruseliger Südstaaten-Geschichte aus dem 19. Jahrhundert. Alles schon lange vorbei? Mitnichten. Zwangsarbeit auf Plantagen ist aktueller denn je, nur dass sich der Schauplatz geändert hat. Über 40 Millionen Menschen, davon der Großteil Frauen, sind laut global slavery index weltweit von Zwangsarbeit und anderen Formen der Ausbeutung betroffen. Die höchste Anzahl von betroffenen Menschen gibt es in Zentral- und Subsahara-Afrika, Osteuropa und Asien. Aber auch im westlichen Europa gibt es punktuell sklaverei-ähnliche Zustände, auch bei uns in Österreich.

Wie kommen Menschen in die Situation, unter Zwang und schlechten Bedingung leben und arbeiten zu müssen? Landwirtschaftsbetriebe und andere Unternehmen setzen koloniale Ausbeutungsmuster fort, um an billige und gefügige Arbeitskräfte zu kommen. Oft sind die Leute auf der Flucht vor Krieg oder Armut – sie werden in die Illegalität getrieben, sind erpressbar und abhängig. Sie zahlen nichts ahnend hohe Summen, um in ein anderes Land und an einen Job zu kommen und geraten in die Schuldenfalle. Dort arbeiten sie dann unter unmenschlichen und gesetzwidrigen Umständen. Sie verlieren ihre Papiere und müssen ihre Schulden abarbeiten. Widerstand wird bestraft oder damit gedroht, dass sie den Behörden übergeben und abgeschoben zu werden. Bei vielen Frauen geht Zwangsarbeit auch Hand in Hand mit sexueller Ausbeutung.

Einige konkrete Beispiele sind der Abbau von seltenen Erden in Afrika für Elektrogeräte, die Bekleidungsindustrie in Bangladesch, die lebensgefährlichen Baustellen von Dubai, minderjährigen Haushälterinnen, die Zwangsprostitution in Osteuropa oder die Bewirtschaftung von Baumwollfeldern in Usbekistan. Daneben sind viele Menschen in der Lebensmittelherstellung etwa von Kaffee, Kakao, Reis und Palmöl von Zwangsarbeit betroffen.

Milliardenschwere Industriezweige wie die Elektroindustrie, aber auch andere Produzenten unserer alltäglichen Produkte wie Kaffeehersteller, beziehen ihre Rohstoffe aus Quellen, die auf moderner Sklaverei basieren (Foto: Pexels, Ketut Subiyanto)

Afrika

Kaffee wird gerade in zentralafrikanischen Ländern häufig von WanderarbeiterInnen geerntet. Diese arbeiten unter widrigsten Umständen, schlecht bezahlt und ohne Verträge und Sicherheiten. Ganze Familien sind gezwungen, ihren Lebensunterhalt auf den Plantagen zu bestreiten, da es kaum andere Arbeit gibt. Die Tätigkeit ist körperlich sehr schwer und die Menschen sind den chemischen Spritzmitteln ungeschützt ausgesetzt. Der Preisdruck des Weltmarktes auf die PlantagenbesitzerInnen ist groß und entsprechend wenig wird an die ArbeiterInnen weitergegeben. Wer bei uns eine Packung herkömmlichen Kaffee um 10 Euro kauft, kann sicher sein, dass bei den Bauern weniger als 50 Cent ankommen.

Sklaverei und Kinderarbeit ist auch im Kakaoanbau nach wie vor ein massives Problem. In Ghana und vor allem an der Elfenbeinküste verrichten Hunderttausende Kinder, manche nur fünf Jahre alt, auf den Plantagen Arbeit. Und dies ohne Schutz durch die Behörden. Viele werden aus Nachbarländern verschleppt und müssen Schwerstarbeit leisten, sind Pestiziden und den Übergriffen anderer ArbeiterInnen ausgesetzt. Oft sind es kleine Plantagen, welche selbst zu wenig mit dem Kakao verdienen. Für diese ist Kinderarbeit somit der günstigste Weg, an Arbeitskräfte zu kommen.

Asien

Palmöl ist in fast der Hälfte aller Waren im Supermarkt enthalten. Ob Essen oder Kosmetika, es scheint mittlerweile unverzichtbar zu sein. Der Erfolg des Schmiermittels hat Unternehmen auf den Plan gerufen, welche in Malaysia und Indonesien das große Geschäft machen wollen. Und das machen sie, indem sie die letzten verbliebenen Gebiete der indigenen Bevölkerung bepflanzten, dazu Regenwälder illegal roden und Arbeitsrechte ignorieren. Für die indigene Bevölkerung ist die Plantage nach der Zerstörung ihres Zuhauses meist die einzige Einnahmequelle. Die gesetzwidrigen Arbeitsbedingungen sind teilweise unterstützt von BehördenvertreterInnen, die durch Schmiergeld etc. im großen Stil selbst vom Anbau profitieren.

Reis ist tägliches Nahrungsmittel für Milliarden Menschen und entsprechend viel wird angebaut, vor allem in den Ländern Asiens. Sehr häufig kommen Kinder bei der Arbeit zum Einsatz. In Indien nützen Unternehmer die Situation der Ärmsten der Armen aus und erpressen sie zu Zwangsarbeit. So kommt es vor, dass ganze Familien wegen Schulden in Höhe von nur 100 Dollar über Jahre quasi gefangen gehalten und für Reismühlen arbeiten müssen.

Beim Anbau von Reis werden oft Kinder oder ganze Familien zur Arbeit gezwungen (Foto: pixabay; TranDuyet)

Europa

Und auch bei uns, in Europa und in Österreich gibt es ausbeuterische Arbeitsverhältnisse. ErntehelferInnen aus Osteuropa stechen unseren Spargel häufig unter menschenunwürdigen Verhältnissen für möglichst wenig Lohn und maximaler Ausreizung der rechtlichen Verhältnisse. Ebenso groß ist die Ungerechtigkeit in Spanien, Griechenland und Italien, wo geflüchtete Menschen aus afrikanischen Ländern bei 50 Grad unter einem Meer aus Plastikplanen für absoluten Niedrigstlohn günstiges Gemüse für uns ernten. Beim kleinsten Zeichen von Schwäche werden sie mit Kündigung bedroht, was die Gefahr ihrer Abschiebung oder der Illegalität mit sich bringt.

Was tun?

Was kannst du tun, um die Situation für die Betroffenen zu ändern? Natürlich lassen sich durch überlegte Kaufentscheidungen kleine Schritte setzen. Zum Beispiel, in dem du auf verlässliche Zertifikate achtest und dich möglichst gut über die Rohstoffe in den Produkten informierst. Aber langfristig erfolgversprechender sind politische Maßnahmen. Schon länger gibt es Initiativen der UNO, welche die Verantwortlichkeit der westlichen Unternehmen für die sklavereifreie Herstellung der Rohstoffe fordert. In Deutschland und Frankreich wurden bereits Lieferkettengesetze erlassen, wonach Firmen Strafe zahlen müssen, wenn ihre Rohstoffe ausbeuterisch oder gesetzwidrig hergestellt wurden. Jedoch richtet sich das Gesetz nur an große Firmen und verhängt nur Strafzahlungen ohne weitere Verbesserungen für die ArbeiterInnen vor Ort. Viele Unternehmen werden sich diese Strafen einfach leisten können, aber es ist ein Anfang. Auch in Österreich gibt es Bestrebungen für ein Gesetz, und es lohnt sich, PolitikerInnen zu Entscheidungen in Richtung einer ausbeutungsfreien Welt zu drängen.

Im Ethik.Guide, dem Einkaufsführer für fairen und nachhaltigen Konsum, findest du in der Kategorie Mode jede Menge Geschäfte und Labels, die auf Kleidung aus menschenwürdiger Produktion stammen.
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Ein Artikel von Levente
veröffentlicht am 8.02.2022