Was sich am Fleisch entscheidet (Teil 1)

Wer sich fragt, warum Tiere in unserer Gesellschaft so schlecht behandelt werden, findet hier wissenschaftlich belegte Antworten. Umfassend recherchiert behandelt Dr. Thilo Hagendorff in seinem Buch „Was sich am Fleisch entscheidet“ verschiedene Aspekte von „Fleisch“ also toten Tieren, in unserer Gesellschaft. Wir haben Dr. Thilo Hagendorff im Interview befragt.

Dr. Thilo Hagendorff (Foto: Thilo Hagendorff)

Hagendorff beschäftigt sich mit allen, und zwar wirklich allen Fragen rund um unseren Umgang mit Tieren. Warum wir Tiere essen und welche Auswirkungen das auf unsere Gesellschaft in all ihren Teilbereichen hat. Mit über 600 wissenschaftlichen Fachaufsätzen zeigt der Wissenschaftler und Ethiker hier Mechanismen auf, die unseren Umgang mit Tieren in der heutigen Form möglich machen.

Das Themenspektrum ist sehr breit und reicht von der historischen Entwicklung über Ernährungsfragen (auch die Frage nach dem Vitamin B12 wird behandelt) bis zu Feminismus und Medizin. Auch der Zusammenhang von Corona und unserem Umgang mit Tieren wird behandelt.

Das macht deutlich, dass es kaum einen Bereich gibt, der nicht von der gigantischen industriellen Massen-Tierhaltung beeinflusst ist. Dieses Buch trägt dazu bei, unser Handeln zu überdenken. Gemeinsam können wir das Ziel erreichen, das Hagendorff in seinem Buch nennt: dass menschliche sowie nicht menschliche Tiere ein friedliches Zusammenleben führen können.

Im Ethik.Guide, dem nachhaltigen Einkaufsführer, findest du in der Kategorie Lebensmittel sämtliche Bezugsquellen für einen genussvollen und klimafreundlichen Ernährungsstil: Bioläden und –Lebensmittelmarken, Unverpackt-Läden, Bio-Bäcker und –Winzer, Biokisten-Zusteller und Solidarische Landwirtschaften, aber auch Adressen von Selbsterntefeldern. Es kann auch nach veganen Anbietern oder bioveganer Landwirtschaft gefiltert werden.

Wir haben Dr. Thilo Hagendorff zum Interview gebeten:

Unser Umgang mit Tieren ist durch Corona zumindest ein bisschen mehr in den Fokus des Interesses gerückt. Sehen Sie durch die aktuelle Pandemie nachhaltige Veränderungen im Konsumverhalten der Menschen?

Für eine nachhaltige Konsumveränderung bräuchte es breites Wissen darum, dass die Corona-Pandemie – genau wie die Mehrheit aller anderen Infektionskrankheiten – durch den Umgang der Menschen mit Tieren geradezu provoziert wurde. Doch dies wird medial kaum thematisiert. Demnach ist auch den Wenigsten bewusst, dass ein verändertes Konsumverhalten faktisch Ursachenbekämpfung für zukünftige Pandemien bedeuten könnte. Die Restaurants etwa, die unter dem aktuellen Lockdown leiden, werden nach dessen Beendigung wieder dieselben fleischhaltigen Gerichte auftischen, die den Anstoß für die nächste Pandemie und den nächsten Lockdown geben können.

Was würden Sie sich wünschen, dass wir an positiven Erkenntnissen und Verhaltens-Änderungen aus der Corona-Zeit mitnehmen?

So allgegenwärtig der Diskurs über das Coronavirus derzeit ist, so wenig wird, wie gesagt, über Ursachen gesprochen. Das erstaunt. Denn es besteht kein Zweifel: Es entscheidet sich an der Tierhaltung, am Hunger nach Fleisch, Milch, Eiern, Pelz, Leder und mehr, ob Pandemien ausgelöst werden. Das Einzige, was diversen Viren aus tierindustriellen Kontexten bisher fehlt, um zu einer erneuten Pandemie zu führen, ist ihr Potenzial, sich von Mensch zu Mensch zu übertragen. Sollten sie dieses Potenzial genau wie das Coronavirus entwickeln und ihre tödliche Wirkung entfalten, könnte dies erneut verheerende Folgen haben.

Zwischen einem Wet Market in China oder einer Hühnermastanlage in Niedersachsen besteht dabei kein wesentlicher Unterschied. Die unhygienischen Bedingungen sind dieselben. Angesichts der Tatsache, dass die Kosten für die Pandemiebekämpfung in die Billionen gehen, ganz zu schweigen von den unzähligen Toten und Erkrankten, fällt es schwer zu verstehen, weshalb es nach wie vor so gut wie nirgends politische Forderungen nach einem Shutdown der Tierindustrie gibt.

Die WHO hat 2021 zum Internationalen Jahr von Obst und Gemüse ausgerufen, pflanzenbasierte Nahrung ist auch im Supermarkt oder auf den Speisekarten der Gastronomie auf dem Vormarsch. Sehen Sie Licht am Ende des Tunnels, was unseren großteils ja noch immer barbarischen Umgang mit Tieren betrifft?

Ich glaube, was kurzfristig erreicht werden kann, ist, dass das Grauen, dass Tiere durch Menschenhand erfahren, quantitativ verringert wird, etwa durch eine graduelle Verringerung des Konsums tierischer Produkte. Dies wird das Verdienst derer sein, die jetzt schon verstanden haben, dass die industriell organisierte Gewalt, die Tieren angetan wird, beendet werden muss.

Es liegt in unser aller Macht und Verantwortung, unzähligen Tieren indirekt das Leben zu retten. Aber eine globale Beendigung des Grauens als solchem sehe ich realistischerweise nicht. Zumindest nicht in den kommenden zehn oder zwanzig Jahren.

Längerfristig jedoch wird sich das System Tierindustrie nicht zuletzt selbst abschaffen. Es wird sich nicht mehr lohnen, Millionen von Fischtrawlern in leergefischte Ozeane zu schicken. Und nach der vierten oder fünften Pandemie, nach dem signifikanten globalen Temperaturanstieg, nachdem sauberes Wasser extrem verteuert ist oder nachdem Antibiotika kaum noch wirken werden, spätestens dann wird der öffentliche Druck so groß sein und schmerzliche Lerneffekte endlich eingetreten sein, dass die Tierindustrie abgeschafft wird. Übrig bleiben dann kleine Hobbyfleischer, aber es werden nicht mehr Billiarden Land- und Meerestiere zu Nahrungsmittelzwecken getötet.

Tiere sind in unserer Gesellschaft ja meist unsichtbar und rechtlich nicht abgesichert. Was würden Sie sich von den heutigen PolitikerInnen wünschen, um Tieren ein besseres Leben ermöglichen zu können?

Die Mehrheit aller hochrangigen PolitikerInnen – aber auch StaatsanwältInnen, RichterInnen und andere Akteure – sehen Tiere nicht als Subjekte, die Teil politischen oder juristischen Handelns sein müssten. „Nutztiere“, das sind in der Praxis straffrei verletz- oder tötbare Wesen. Dies mag angesichts von Tierschutzgesetzen abwegig klingen, dabei entspricht es dennoch den Tatsachen.

Es gibt nicht nur eine besondere Zurückhaltung der Behörden bei der Verfolgung von Tierschutzkriminalität, es herrscht eine regelrechte Straflosigkeit institutionalisierter Agrarkriminalität. Die unternehmerische Organisation von tierhaltenden Betrieben erzeugt eine Normalität der Tierquälerei, die zwar theoretisch häufig illegal ist, die aber durch ihre Alltäglichkeit nicht weiter Beachtung findet.

Durch die Regelmäßigkeit tierquälerischer Praktiken innerhalb abgeschotteter tierindustrieller Betriebe werden Verhaltensweisen und Umstände zur nicht weiter beachtenswerten Normalität, vor denen Außenstehende zutiefst geschockt wären. Wer etwa eine Katze quält, bekommt die volle Härte des Gesetzes zu spüren. Wer aber Tausende Ferkel, die nicht schnell genug wachsen, auf dem Boden zerschmettert, dem drohen keine Sanktionen.

Es wäre angesichts dessen ein erster Schritt, Parteien an die Schaltzentralen der Macht zu befördern, die sich in ihrem Profil nicht vollkommen gleichgültig gegenüber Tieren zeigen. Letztlich denke ich aber, dass man nicht bloß auf „die Politik“ zeigen und ihr Verantwortung zuweisen sollte. Jeder Einzelne von uns kann Politik betreiben, etwa durch das Einnehmen einer Vorbildrolle, durch das Einkaufsverhalten, durch kluge Argumente und vieles mehr.

Die Familie gibt uns eine Werte-Basis mit für unser Leben. Gerade die Pädagogik ist hier ambivalent: Einerseits erziehen wir unsere Kinder dazu, lieb zu Tieren zu sein, die Katze nicht am Schwanz zu ziehen und den Hund nicht zu schlagen. Andererseits herrschen in den vielen Tierfabriken Zustände, die über diese Art von Quälereien sehr weit hinausgehen. Warum töten wir hier unsere Empathie? Und welche Gefahren birgt es für unsere Gesellschaft, wenn wir die nächste Generation dazu erziehen, dieses Mitgefühl zu unterdrücken?

Was Tiere betrifft, gibt es eine strikte Spaltung. Mit manchen Tierarten, darunter Katzen, Hunden, Meerschweinchen etc., findet ein enger Kontakt statt, einzelne Tiere werden als Individuen gesehen, sie haben Namen und eine Persönlichkeit. Andere Tierarten – Schweine, Puten, Hühner etc. – sind radikal exkludiert. Sie haben Nummern statt Namen. Sie werden als Masse wahrgenommen, in denen einzelne Individuen untergehen. Und man betrachtet sie als bar jeglicher Persönlichkeit und Emotionalität. Dies macht es leicht, Empathie in gleicher Weise aufzuspalten.

Die Exklusion von „Nutztieren“ erfüllt die Funktion, Menschen nicht mit den Auswirkungen ihres eigenen Lebensstils und Konsumverhaltens zu konfrontieren. Man kann jene Auswirkungen weder sehen, noch hören oder riechen. Menschen werden diejenigen Wahrnehmungen, die notwendig wären, um sie in ihrer ethischen Entscheidungsfindung zu leiten, gezielt entzogen.

Was aber vorhanden ist, ist abstraktes Wissen darüber, dass für Fleisch der Tod eines Tieres unumgänglich ist. Aber dieses abstrakte Wissen, dass ja im Widerspruch steht zu Werten der Gewaltfreiheit und des friedlichen Handelns, kann leicht manipuliert werden durch Methoden des Selbstbetrugs, der Verdrängung oder Verzerrung wahrgenommener Informationen.

Diese psychologischen „Techniken“ jedoch greifen nicht nur bei der Frage des Umgangs mit Tieren. Sie betreffen gleichermaßen Fragen des Umgangs mit anderen Menschen oder natürlichen Lebensgrundlagen. Zahlreiche Forschungsarbeiten aus der Psychologie zeigen, dass Menschen, die eher speziesistische Einstellungen besitzen, auch eher abwertend über andere Fremdgruppen denken.

Speziesismus, Rassismus, Sexismus und weitere diskriminierende Überzeugungen sind nicht getrennt voneinander zu sehen, sondern gehen miteinander einher. Kindern beizubringen, ihre Empathie auch auf „Nutztiere“ auszudehnen, ist in diesem Sinne also auch eine Erziehung zur Menschlichkeit im engeren Sinne.

Die Fortsetzung des Interviews folgt im Teil 2.

Zum Autor:

Der Sozialwissenschaftler & Ethiker Dr. Thilo Hagendorff lebt vegan, ist erfolgreicher Leistungssportler (Radrennen). Seit über zehn Jahren beschäftigt er sich mit der Rolle von Tieren in unserer Gesellschaft. Er hat viele Tierfabriken von innen gesehen und dabei Tierschutz-Skandale aufgedeckt. Derzeit arbeitet er beim Exzellenzcluster „Machine Learning“ an der Universität Tübingen.

Mehr auf der Homepage des Autors.

Was sich am Fleisch entscheidet

Über die politische Bedeutung von Tieren

Thilo Hagendorff
Büchner-Verlag 2021
290 Seiten
EUR 20,00 (D)
ISBN 978-3-96317-237-3

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Ein Artikel von Sandra
veröffentlicht am 13.04.2021
Freie Journalistin und vegane Mama von zwei Schulkindern. Beim Ethik.Guide und animal.fair als Blogautorin und Social Media/facebook-Managerin aktiv. Findet Glück in der Natur, beim Backen und Kaffeetrinken.