Zum Tode verurteilt: Kälber als Abfall der Milchindustrie

Zusammengepfercht, ohne ausreichend Futter, Wasser oder Belüftung – 50.000 lebende Kälber exportiert Österreich als „ungewollte Nebenprodukte“ der heimischen Milchindustrie, während gleichzeitig Fleisch von 110.000 bis 115.000 Kälbern aus dem Ausland importiert wird. Aber wie kommt es dazu?

In Österreich bekommt eine Milchkuh im Schnitt drei bis vier Kälber während ihrer gesamten Lebensdauer. (Foto: freestocks, Cysv52)

Der (Leidens-)Weg der Milchkühe

Damit Kühe Milch geben, müssen sie gebären.

In der intensiven Milchwirtschaft werden Kälber am ersten Tag nach der Geburt von ihren Müttern getrennt und mit Milchersatzprodukten – oft unter Beimengung von Palmöl – gefüttert. Damit wird sichergestellt, dass die Milch der Mutterkuh vom ersten Tag an für die Milchindustrie genutzt werden kann. Endet die Laktationsperiode (die Kuh gibt keine Milch mehr) beginnt der Kreislauf von Neuem:  Die nächste Besamung, Schwangerschaft und Geburt eines Kalbes.  Meist wiederholt sich dies fünf oder sechs Mal, bis die Kühe schlussendlich aussortiert und geschlachtet werden, weil ihre Milchleistung sinkt.

Männliche Kälber haben in diesem System die schlechtesten Katen. Aufgrund ihrer schlechten ökonomischen Verwertbarkeit (!) werden sie oft mehrere Tage und Wochen unter katastrophalen Bedingungen zu ihren Schlachtstätten transportiert. Zahlreiche Tiere erleiden nicht nur schwere Verletzungen, viele überleben die Transporte nicht und sterben einen qualvollen Tod.

Österreichische Kälber am Weltmarkt

Manche Länder in Europa haben sich auf die Mast von Kälbern spezialisiert. Die lockeren gesetzlichen Bestimmungen im EU-Ausland ermöglichen es, Kälber extrem billig aufzuziehen und kostengünstig zu exportieren. Heimischen Betriebe können mit diesen Preisen nicht mithalten, wodurch sich die Aufzucht der Kälber nicht rechnet. Diese „günstigen“ Bedingungen für die Mast gehen oftmals mit sehr niedrigen Tierschutzstandards einher.

Doch damit ist der Weg der Kälber noch nicht zu Ende. Die bereits gemästeten Tiere werden wiederum in Länder transportiert, die sich auf die Schlachtung und Verarbeitung spezialisiert haben. In weiterer Folge wird das so gewonnene Fleisch in Europa verteilt und geht als Importfleisch auch wieder zurück nach Österreich.

Zum Beispiel kann ein in Österreich geborenes Kalb in Italien oder Spanien gemästet werden. Danach wird es in die Niederlande zur Schlachtung transportiert. Von diesem europäischen Hauptexporteur von Kalbfleisch geht das Fleisch dann zurück nach Österreich, wo es vor allem in der Gastronomie Verwendung findet.

Ein Teil der gemästeten Tiere geht auch an sogenannte Hochrisikoländer wie Ägypten, Algerien oder Armenien. Dorthin transportierte Tiere laufen Gefahr, in noch tierquälerischer Weise behandelt und geschlachtet zu werden als in der EU.

 Kälber als Abfall – die „Herodesprämie“

Als makabren Lösungsvorschlag und um der Überflutung des Rindfleischmarkts sowie dem daraus resultierenden Preissturz entgegenzuwirken, vergab die EU zwischen 1994 und 2000 für einige Staaten eine Prämie für Betriebe, die ihre Kälber bis zu einem Alter von 20 Tagen töteten. Damals lag diese Prämie zwischen 1600 und 2000 Schilling, umgerechnet also etwa 120 bis 150 Euro.

Die sogenannte Verarbeitungsprämie für Kälber – in der Öffentlichkeit bald als Herodesprämie bekannt – gab Landwirten einen Anreiz, weiter am Markt vorbei zu produzieren, anstatt sie zum Ausstieg aus einem unrentablen Landwirtschaftszweig zu ermutigen.

Laut einem offenen Brief des Tierhilfswerk Austria (THWA) (Juli 1997) war es üblich, wenige Tage alte Kälber in Ländern, die sich gegen die Verarbeitungsprämie entschieden hatten, aufzukaufen. Danach wurden sie in langen Transporten in die Länder verfrachtet, in denen sie dann für die Tötung der Jungtiere aus der EU-Kasse belohnt wurde. Die fragwürdige Agrarprämie erfüllte also in keiner Hinsicht ihren Zweck und wurde somit auch wieder eingestellt.

Das Aus der Herodesprämie bedeutet jedoch keineswegs das Ende von Lebendtiertransporten. (Foto: We animals, Jo-Anne McArthur/Eyes On Animals)

Gefahren des Schifftansports

Im Dezember 2020 legte der Lebendtiertransporter Elbeik in Tarragona ab, um Tiere in den Nahen Osten zu transportieren. Gerüchte um eine angebliche Blauzungenkrankheit an Bord vereitelten die Pläne, und so irrte das 54 Jahre alte Transportschiff drei Monate durchs Mittelmeer.

Kurz darauf das nächste Drama: Ende März 2021 blockiert das Containerschiff Ever Given den Suezkanal. Unterschiedlichen Angaben zufolge warten zwischen 10 und 20 Frachter mit lebenden Tieren an Bord im oder vor dem Kanal auf Weiterfahrt.

Im ersten Quartal des Jahres 2021 wurden bereits Tausende Rinder getötet, die Monate auf See verbracht hatten und wegen Problemen mit den Gesundheitsdokumenten nicht am Zielort ausgeladen werden konnten.

Der Weg aus dem Leiden

Die langen Transportwege sind sowohl aus ethischer Sicht als auch im Anbetracht der Klimakrise katastrophal.

Zahlreiche NGOs engagieren sich bereits gegen die Transporte und auch in der Öffentlichkeit steigt das Bewusstsein.

„Wie viele Tiere müssen noch gequält und getötet werden, damit die Politik endlich handelt? Es darf keine Option sein, Tieren den Weg in den Tod noch zu erschweren.“ Eva Rosenberg, Direktorin Vier Pfoten

Eine transparente und verpflichtende Haltungs- und Herkunftskennzeichnung, tiergerechten Haltung, Tierwohlmonitoring für die Kälber sowie Schlachtmöglichkeiten vor Ort sollten erste Schritte sein, um Kälbertransporte und qualvolle Mast zu reduzieren.

 

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Ein Artikel von Johanna
veröffentlicht am 6.04.2021
Berufliche Tausendsassa mit Outdoorfieber. Bei Regen gerne mal am Sofa anzutreffen, solange Buch und Hunde mit dabei sind.