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Verkehrte Welt – Ausbeuterische Produktion muss in Zukunft teurer sein als faire!

Niemand kann sich heutzutage vorstellen, dass fair produzierte und fair gehandelte Produkte, die hohe soziale und ökologische Standards erfüllen, jemals billiger sein könnten als Massenware, die unter ausbeuterischen Bedingungen in Ländern wie Bangladesch, Indien oder Thailand hergestellt wurden. Die Gastautorin Lisa Muhr, Gründerin der neuen Göttin des Glücks, erläutert wie fair und nachhaltig produzierte Produkte für alle leistbar werden können.
Schaufensterpuppen im Abverkauf

Wo bleibt die Kostenwahrheit? (Foto: Unsplash, Daniel von Appen)

Im Ethik.Guide, dem Einkaufsführer für fairen und nachhaltigen Konsum, findest du in der Kategorie Mode jede Menge Geschäfte und Labels, die auf fair produzierte Kleidung setzen.

„Logisch, weil die Arbeit im Süden billiger ist und weil es dort weniger Auflagen gibt.“, so die allgemeine Begründung für die billige Massenware. Aber ist das tatsächlich logisch? Nein, ist es nicht! „Logisch“ bedeutet „folgerichtig“, „einleuchtend“. Für mich ist es nicht einleuchtend, dass Ware aus Produktionen, die Menschen ausbeuten und ökologische Katastrophen für unseren gesamten Lebensraum Erde hervorrufen, so billig auf den Markt geschleudert werden darf. Das ist vor dem Hintergrund der Klimadramatik „folgefalsch“, um nicht zu sagen, fahrlässig, absurd, verbrecherisch!

Es ist unser aktuelles, kapitalistisches System, das diesen Missstand zulässt, denn es werden nur der tatsächliche Aufwand für die Produktion, die Handels- und Gewinnmargen und die Steuern und Abgaben (Transport, Zoll udgl.) im Verkaufspreis abgebildet, nicht aber die versteckten Folgekosten für Krankheit, mangelnde Bildung und globale Umweltschäden, die solche Produkte verursachen (wahre Kosten). Deshalb kann der Markt Billigstprodukte überhaupt anbieten. Welche familiären, gesellschaftlichen Dramen entstehen, wenn junge Textilarbeiterinnen in Bangladesch an Erschöpfung sterben? Wer kommt für die Umweltschäden auf, wenn Flüsse und ganze Landstriche mit den giftigen Chemikalien aus der Leder- und Textilindustrie verseucht werden? Wo wird der CO2 Ausstoß der globalen Warentransporte eingepreist?

Wir haben es in Europa geschafft, Mindeststandards und Regeln auf sozialer und ökologischer Ebene zu setzen (zum Beispiel die REACH Chemikalien-Verordnung, Arbeitsrechte und sonstige Sozialstandards). Darauf können wir stolz sein. Das Problem dabei: Diese Regeln gelten nur für europäische Produktionsstandorte und für in Europa produzierte Waren, nicht für Waren, die außerhalb Europas produziert und importiert werden. Hier gilt einzig das „Herkunftslandprinzip“, das bedeutet: Es gelten die Gesetze des jeweiligen Produktionslandes. Wir wissen, was das zum Beispiel für die Nähstube der Welt, Bangladesch, bedeutet: Extreme Armut und ökologische Desaster, die das Weltklima anheizen. Das Ergebnis: Textilien enthalten oft Giftstoffe, die hier in Europa längst verboten sind, ArbeiterInnen im Süden können von ihrem Lohn nicht leben und ihre Kinder müssen mitarbeiten, anstatt in die Schule zu gehen. „Wir schaffen Arbeitsplätze im Süden“ ist da wohl nicht das passende Argument der Unternehmen, die auf Basis dieser Missstände Geschäfte machen. Viel besser wäre es, wenn sich Auftraggeber verantwortlich für ihre LieferantInnen fühlen und bessere Preise zahlen würden (ein paar Cent mehr pro T- Shirt würde den NäherInnen ein besseres Leben ermöglichen).

Folgekosten für Krankheit, mangelnde Bildung und Umweltschäden sind im kapitalistischen System nicht im Kaufpreis enthalten. (Foto: Pexels, Markus Spiske)

Wie kann das Wirtschaftssystem fairer gestaltet werden?

Ich vermute, dass wir dieses Missverhältnis komplett umdrehen könnten. Wir müssten dafür auf drei verschiedenen Ebenen ansetzen:

  1. „Code of Product“ auf Produktebene
    Die gleichen Regeln für alle Produkte am europäischen Markt, egal, woher sie kommen. Das könnten z.B. Mindeststandards wie die Einhaltung der Kernarbeitsnormen der ILO (International Labour Organisation) und die Einhaltung der REACH Chemikalienverordnung sein sowie die transparente Listung aller LieferantInnen (Tracking Code) und eine vollständige Zutatenliste auf allen Produkten (egal, welcher Branche).
  2. Einpreisung der „wahren Kosten“
    Müssten Unternehmen Verantwortung für die „wahren“ Kosten übernehmen, die sie auf sozialer und ökologischer Ebene entlang ihrer gesamten Produktionskette verursachen und diese mitkalkulieren, würde sich das Preisgefüge komplett drehen: Ausbeuterisch hergestellte Produkte wären plötzlich teurer als fair hergestellte. Die Kalkulation würde dann lauten: Je fairer ein Produkt hergestellt wird, desto günstiger kann es angeboten werden. Erste Ideen, diesen komplexen, global verwobenen Prozess mit Hilfe der Block Chain Technologie erfassen, bewerten und monetarisieren zu können, gibt es bereits.
  3. Umverteilung und Anreizsystem für faires Wirtschaften
    Faire Produktionen/Dienstleistungen bedingen mehr Aufwand und höhere Kosten. Der ökonomische Nachteil zugunsten von Umwelt und Gesellschaft muss aufgelöst werden, sonst wird Nachhaltigkeit nie ins Kerngeschäft der Unternehmen einziehen. Dafür braucht es einen monetären Ausgleich (Umverteilung aus dem Topf der „wahren“ Kosten) und ein Anreizsystem für nachhaltiges, faires Wirtschaften, wie wir es zum Beispiel in der Gemeinwohl-Ökonomie vorschlagen: Das könnten ein Steuersystem sein, das Kreislaufwirtschaft (take, make, use, reuse, recycle, repair, reduce, refurbish) und faire Produktion fördert, eine neue Förderlandschaft für nachhaltige Unternehmen, günstigere Kreditkonditionen bzw. bessere Haftungsübernahmen in der Start Up Phase, ein Abgabensystem, das faire Businessmodelle begünstigt, die Bevorzugung in der öffentlichen Beschaffung (Bestbieter-Prinzip statt Billigstbieter-Prinzip) udgl.

Ich denke, damit könnte sich der Preis am Markt komplett drehen. Produkte aus fairer Produktion würden billiger werden als heute und könnten sogar auf ein Niveau sinken, das auch für Menschen aus den unteren Einkommensschichten leistbar wäre: Dann würde es plötzlich heißen: „Ich kann mir nur noch Bio und Fairtrade leisten“.

Das wäre eine Wirtschaft, die einen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten könnte. Das wäre eine Wirtschaft, die es den HeldInnen von heute – all den Unternehmen, die aus Überzeugung heute schon fair agieren, produzieren und handeln und aufgrund ihrer höheren Kostenstrukturen am heutigen Markt benachteiligt sind – leichter macht. Das wäre eine Wirtschaft, die unseren Kindern auch noch einen lebenswerten Planeten hinterlässt.

Lisa Muhr, Gründerin der neuen Göttin des Glücks Fair Trade Genossenschaft, Pionierunternehmerin und Botschafterin der Gemeinwohl-Ökonomie (Obfrau des Gründungsvereins), wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrende für Green Economy an der FHWN, Campus Wieselburg (Masterstudiengang „Green Marketing“)

Logo Göttin des Glücks

Wenn du mehr zum Thema lesen möchtest, schau vorbei im Blog der Göttin des Glücks. Die dreiteilige Reihe „Verkehrte Welt“ beleuchtet die Thematik etwas detailierter.

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Ein Artikel von der Ethik.Guide-Redaktion
veröffentlicht am 19.01.2021