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Sklavereifreie Tomaten – Anerkennung für harte Arbeit

Auch in der ökologischen Lebensmittelproduktion arbeiten nach wie vor weltweit Menschen unter schwierigen Bedingungen – unter Druck und entrechtet – für ein geringes Gehalt. Davon besonders betroffen sind Kaffee, Kakao, Reis und der Gemüseanbau in den Mittelmeeranrainerstaaten. Eine Initiative in Süditalien will nun den Tomatenanbau zu einem Symbol der Würde machen – ein gelungenes Projekt.

Tomaten werden nach wie vor nicht maschinell, sondern von Hand geerntet. Bei einer Dose um 50 Cent kann nicht viel für die ErntearbeiterInnen übrig bleiben. (Foto: Pixabay, Kathas_Fotos)

NOCAP-Tomaten

Es gibt sie püriert oder als Salsa, klassisch rot oder als gelbe Variante. Auch die süßen kleinen Datterino-Tomaten gibts hier. Gemeinsam haben alle, dass sie großartig schmecken und im Glas oder Konserve daherkommen. Aber was macht diese Tomaten, die Königin unter den Sommergemüsen so besonders? Und zwar, so besonders wertvoll? Es ist mehr als nur die Tomate selbst. Oder dass sie nach biologischen Maßstäben in Süditalien hergestellt werden. Der Wert dieser Produkte liegt darin, dass sie ein Symbol für den Kampf gegen sklavereiähnliche Arbeitsverhältnisse und Unterdrückung sind und sich gegen eine ausbeuterische Lebensmittelindustrie stellen. Diese nutzt die prekäre Lage von verzweifelten MigrantenInnen aus, um Produkte so billig wie möglich herzustellen und mit höchstmöglicher Gewinnspanne in ganz Europa zu verkaufen.

Das CAP in NOCAP steht für Caporalato

In Süditalien gibt es kaum eine Industrie, welche von der Mafia nicht zumindest mitkontrolliert wird. Teilweise unter den zugedrückten Augen der lokalen Behörden. Besonders viel Raum nimmt in der Region Apulien, also am Absatz des italienischen Stiefels, die Gemüseproduktion ein. Gleichzeitig ist es ein Gebiet, welches von Flüchtenden aus Afrika häufig angesteuert wird. Sie erhoffen sich ein neues Leben in Würde, Sicherheit durch die nationalen Behörden und eine Arbeit, von der sie leben können.

Viele finden Jobs als ErntehelferInnen unter den glühend heißen Plastikplanen Apuliens, da sie sonst keinen Zugang zum Arbeitsmarkt oder eine Aufenthaltserlaubnis haben. So einen Job zu bekommen ist aber gar nicht so leicht. Man muss sich den Spielregeln der Caporalato stellen, den “Aufsehern” der Mafia. Diese lassen die ArbeiterInnen oft unter rechtswidrigen und menschenunwürdigen Bedingungen schuften. Bis zu 14 Stunden täglich für sehr wenig Geld. In Angst vor Abschiebung und der Aussicht, sonst nirgends Arbeit zu finden, sehen diese Menschen oft keine andere Möglichkeit, als sich in solche brutalen Verhältnisse zu begeben. Und als ob das nicht genug wäre, müssen sie für Trinkwasser, Essen, dem Transport zu den Feldern und einer schäbigen Behausung in Wellblechhütten oder Plastikzelten oft so viel an die Caporalato zahlen, dass von ihrem Gehalt nicht mehr viel übrig bleibt.

Tomatenkonserven sind aus den meisten Küchen kaum wegzudenken (Foto: Unsplash, Raphael Maksian)

Ein Europäisches Problem

Die Ausbeutung von Arbeitern in der Landwirtschaft ist nicht nur begründet in mafiösen Strukturen einzelner Anbauländer. Die Unternehmen drücken im jahrelangen gegenseitigen Konkurrenzkampf die Preise auf dem Markt und die VerbraucherInnen gewöhnen sich mit der Zeit an das niedrige Preisniveau. Um trotzdem zu verdienen, werden von den Unternehmen die Kosten für die Herstellung immer weiter gedrückt und an den Standards bei den Arbeitern gespart. Schlussendlich werden die Menschen am Ende der Herstellungskette ausgebeutet, verdient wird an den niedrigen Löhnen derer, welche sich nicht gegen arbeitsrechtliche Ausbeutung wehren können. Dieses raffgierige System betrifft nicht nur afrikanischstämmige ErnteabreiterInnen, sondern auch Menschen aus Rumänien, Ungarn, Ukraine etc.

Ein Einsatz, der sich lohnt

Yvan Sagnet ist gebürtiger Kameruner und Gründer von NOCAP. Er ist als Student nach Italien gekommen, konnte jedoch irgendwann die Studiengebühren nicht mehr bezahlen. Also begann er, als Tomatenpflücker zu arbeiten. Und er war entsetzt, als er die Bedingungen der ArbeiterInnen in Apulien gesehen hatte. Bis zu 800 Menschen meist afrikanischer Abstammung lebten unter Plastikplanen, die meisten ohne Papiere. Die Capos waren erbarmungslos und brutal. Als sie von den Bauern aufgefordert wurden, nicht mehr den Strauch, sondern jede Tomate einzeln zu pflücken, also mehr Arbeit für das gleiche Geld zu leisten, hatte Yvan genug. 2011 organisierte er einen Streik der ArbeiterInnen.

Ganze zwei Monate wurde nicht geerntet und durch Yvan´s geschickte Art, die MitarbeiterInnen von der Dringlichkeit der Veränderung zu überzeugen, gleichzeitig die Öffentlichkeit zu informieren und Hilfe aus der Bevölkerung zu holen (welche Essen und Trinken für die Streikenden spendete), gelang es, dass viele ArbeiterInnen einen Vertrag bekommen haben. Außerdem wurde die Tätigkeit der Caporalato, “Vermittlungsgebühr” von den Gehältern einzustreichen, gesetzlich für illegal erklärt. Ein wichtiger Schritt zur Integration der MigrantInnen am Arbeitsmarkt und in ihrer neuen Heimat. Der Streik und die Bewusstmachung der Zustände in der Bevölkerung löste eine große Welle der Solidarität in Italien aus. Und aus dem Streik wurde ein Verein und schließlich eine Bewegung für ethische und menschenwürdige Landwirtschaft nach biologischen Maßstäben: NOCAP.

China ist mittlerweile in die Tomatenproduktion eingestiegen, obwohl fast 100 Prozent der Erzeugnisse exportiert werden. Die billigen Produktionsbedingungen dort drücken den Preis von Tomatenprodukten weiter nach unten. (Foto: Unsplash, Brands&People)

Wirklich faire Lebensmittel – Jetzt bald auch in Österreich

Veränderung findet statt, wenn wir es selbst in die Hand nehmen. Das hat Yvan Sagnet am eigenen Leib erlebt. Er hat einen Aufstand gewagt und gewonnen. Heute können wir verschiedene Produkte mit dem Label NOCAP kaufen, die unter garantiert fairen Bedingungen hergestellt wurden. Bio zu kaufen ist eine Sache, aber nicht genug. Denn Bio heißt nicht unbedingt gute Arbeitsverhältnisse. Du kannst mithelfen, dass auch die Menschen hinter dem Produkt nicht leiden. Oft verstecken sich hinter Fair-Trade Siegeln Minimalstandards und dienen mehr dem Marketing als den Erntehelfern im globalen Süden und den Äckern Europas. Daher lohnt es sich, zu Produkten zu greifen, welche eine gut dokumentierte Herkunft haben und dazu beizutragen, dass es immer mehr wirklich faire Produkte gibt! Im Fall von NOCAP Tomaten heißt es für Österreich im Moment noch “bitte warten”, was das Angebot in Geschäften angeht. Erhältlich ist es vorerst nur bei ausgesuchten Händlern, zum Beispiel bei MILA, dem Mitmachsupermarkt in Wien 1160, sowie bei GEA in Schrems. Eine gute Gelegenheit, im Lebensmittelhandel/Foodcoop Deines Vertrauens nachzufragen, ob sie NOCAP in ihr Sortiment aufnehmen würden!

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Ein Artikel von Levente
veröffentlicht am 10.05.2022

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